5 Gründe für einen Gartenzwerg

Heftiger Spott ergießt sich über den Gartenzwerg, das Ursymbol des deutschen Spießbürgertums. Wer sich so einen im Vorgarten aufstelle, sei kitschig, kleinlich, kartoffelig. Dieses KKK klingt wie eine Kriegserklärung am Gartenzaun. Darauf antworteten Zwergen-Hasser in den 1990er-Jahren mit dem Aufstellen von sogenannten „Abartigen“, wie sie die Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge (IVZSG) abgrenzt von dem echten, „gewöhnlichen beseelten Gartenzwerg“ (lat. Nanus vulgaris hortorm animatus). Dabei gibt es 5 gute Gründe, warum Gartenzwerge besser als ihr Ruf sind und warum man sich noch heute mindestens einen anschaffen sollte.

Erstens: Mit seiner roten Zipfelmütze dient der Gartenzwerg zum Abstecken des individuellen Hoheitsgebiets, selbst wenn dieses vom Hausherrn vorübergehend verlassen wird. Auch nach einem langen Tag voll anstrengendem manspreading (zu Deutsch: temporärer Territorialgewinn durch weitestmögliches Abspreizen der männlichen Oberschenkel) in den öffentlichen Verkehrsmitteln weisen die roten Zipfel (wahlweise mit LED) zuverlässig den Weg zur Haustür, wo der Arbeitsplatznomade – trumbunken von einer Handvoll Feierabendbier mit den spontan verabredeten Kollegen – dem gezückten Nudelholz seiner Gattin entgegensegelt. Und während der Hausherr seinen Bergfest-Rausch ausschläft, halten die Zipfelmützen dank giftiger Farbschichten die unliebsame Nagetierpopulation auf einem absoluten Minimum. Doch nicht nur im Kollektiv, sondern auch jeder für sich hat etwas auf dem Kasten.

Zweitens: Ob an der Schubkarre, beim Blumenpflanzen, oder an der Regenrinne emporkletternd… jeder ordentliche Gartenzwerg ist ein Arbeiter und vertritt das sozialistische Leistungsprinzip, wie es in der Sowjetunion galt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung.“ Wird die Leistung aber nicht so gebührend entlohnt wie in Grimms Märchen von den Wichtelmännern beim Schuster, dann bleibt den Ausgebeuteten nur zu hoffen, auf Kosten der „Front zur Befreiung der Gartenzwerge“ die Welt jenseits der unmittelbaren Einfriedungen zu entdecken und von dort aus kryptische Postkarten an den Hausherrn zu verschicken. Nur wenige wissen, dass dem „gewöhnlichen beseelten Gartenzwerg“ das Fernweh in der DNA liegt.

Drittens: Zentrale Vertreter der Nanologie – also der (aufstrebenden) Wissenschaft des Gartenzwergs – sollten die Gunst der Stunde nutzen und auf einen weltweit einmaligen Nanologie-Lehrstuhl an einem der führenden sozialwissenschaftlichen Institute Deutschlands, wie an den Universitäten Bielefeld oder Tübingen, hinwirken. Die lautlose, unaufgeregte Eindeutschung der ursprünglichen Ost-Anatolier (!) verspricht ganze Ringvorlesungsreihen zu füllen. Denn Gartenzwerge gelangten, vermutlich ob ihrer Physiognomie, mit rund 1000 Jahren Verspätung als letzte Nachzügler der europäischen Völkerwanderungen in die verspielten Parkanlagen teutonischer Fürstentümer. Längst vergessen ist ihr türkischer Migrationshintergrund, auch der markante Kopfputz wird nicht länger als separatistisch ambitionierter Ausdruck kultureller Eigenheiten empfunden. Vielmehr steht der Gartenzwerg für den antifaschistischen Widerstand, denn wie weithin bekannt, wurde seiner Zunft in der Zeit des Nationalsozialismus als „störenden Eingriffen in das Landschaftsbild“ die Versammlung auf Privatgrundstücken entlang der Deutschen Weinstraße (Pfalz) untersagt. Dabei haben Gartenzwerge nicht nur eine dekorative Funktion.

Viertens: Schon im Nibelungenlied hütet der Zwerg Alberich den sagenumwobenen Schatz der Nibelungen. Somit symbolisieren GartenZWERGE Reichtum, sie bringen den Wohlstand ins Haus beziehungsweise schützen den persönlichen Nibelungenhort vor räuberischen Zugriffen durch lichtscheues Gesindel. Doch ein Gartenzwerg ist nicht nur Symbol, sondern die sinnlich erfahrbare Manifestation von Reichtum. Schließlich sind ganze Stoßtrupps von „gewöhnlichen beseelten Gartenzwergen“, also hergestellt aus handbemaltem Terrakotta, wahre Luxusartikel. Aber nur VIEL HILFT VIEL und wenn meine Tante und Oma auf meine Bitten nach einem alltäglichen Gegenstand zu sagen pflegen: „Ach Mädel, wenn wir alles so viel hätten, wie wir XY (d.h. auch Gartenzwerge!) haben, dann wären wir reiche Leute!“, dann foppe ich sie mit dem Ausruf: „Ihr habt ja alles Geld für XY (d.h. auch Gartenzwerge!) verbraten!“ Abschließend ist neben ein wenig Glück oft auch gesunder Menschenverstand am Werk.

Fünftens: Für den nicht-repräsentativen und keinesfalls nachahmenswerten Fall von Schneewittchen waren die 7 Zwerge weniger hilfreiche Schutzgeister, sondern vielmehr die mahnende Stimme der Vernunft. In den entscheidenden Augenblicken jedoch verflogen die guten Vorsätze und das eitle Frauenzimmer war buchstäblich von allen guten Geistern verlassen. Um als empathisches Publikum diese schwere Bürde annähernd nachempfinden zu können, denke man an das alljährliche Wechselbad der Gefühle zu Beginn der zweiten Januarwoche. Der Weisheit letzter Schluss lautet dann meist: Das Leben ist zu kurz für gute Vorsätze! Wenn es aber wie im Falle Schneewittchens aka „live fast, die young“-Schnittchens weder zu Glück noch zu aktiven Gehirnzellen reicht, bleibt nur das Vertrauen in die eigenen Urinstinkte. Denn die 7 Zwerge, auch bekannt als die 7 Sinne, überantworteten den gläsernen Sarg an den melodramatischen Traumprinzen erst in einem Anflug von Mitleid. So sind es Mitgefühl und Freundlichkeit, die den Menschen überhaupt menschlich machen. Und wer stieße bei schweißtreibender Miniaturlandschaftspflege nicht gern auf das starre, wenn auch aufmunternde Lächeln eines ebenso geschäftigen Gartenzwergs?

Fazit: (1) Rote LED-Zipfelmützen am Wegesrand aufstellen und / oder Finger weg vom Alkohol! (2) In der Ausrichtung seiner Work-Life-Balance bloß nicht die helfenden Zwergen-Händchen vergessen! (3) Es gibt eine Wissenschaft vom Gartenzwerg und das nanologische Forschungssubjekt kam im 13. Jahrhundert aus dem türkisch besiedelten Ost-Anatolien nach Westeuropa! (4) Wer zu viele Gartenzwerge hat, hat entweder zu viel Geld auf der hohen Kante oder ist arg abergläubisch! (5) Wer sich an das Beispiel des fleißigen Gartenzwergs hält, schützt sich vor Ungeistern und kommt nicht auf dumme Gedanken! Bonus: Hinter der Kritik „kitschig, kleinlich, kartoffelig“ verbirgt sich bloß anerkennender Neid für „Fleiß, Vernunft, Freundlichkeit“. Aus all diesen Gründen sollte man sich noch heute mindestens (!) einen Gartenzwerg anschaffen, denn nur VIEL HILFT VIEL. Zipfel auf!

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Ein Hüter des Nibelungehorts bei der Arbeit. PRIVATES BILD.

Weiterführende Links:

Stefanie Dimpker über die Geschichte, Gattungen, Population und zur Rechtslage rund um den „gewöhnlichen beseelten Gartenzwerg“ (Veröffentlicht am 18.06.2018). URL: https://www.idealo.de/magazin/2018/06/18/gartenzwerge-in-deutschland-und-europa-was-steckt-hinter-der-roten-zipfelmuetze/ (Zuletzt abgerufen und verwendet am 08.05.2019).

Florian Stark über die Migrations- und Symbolgeschichte des Gartenzwergs (Veröffentlicht am 05.07.2013). URL: https://www.welt.de/geschichte/article117748058/Unser-Gartenzwerg-ist-ein-Migrant-aus-Anatolien.html (Zuletzt verwendet und überprüft am 08.05.2019).

Philipp Griebel leitet in 4. Familiengeneration die seit 1874 bestehende, letzte Gartenzwergmanufaktur Deutschlands sowie das im Jahr 1997 eröffnete Gartenzwergmuseum in Grafenröda, Thüringen. URL: www.zwergen-griebel.de (Zuletzt verwendet und überprüft am 08.05.2019).

Der Beitrag ist das Ergebnis von eigenen Internetrecherchen, einschließlich auf der Wikipedia-Plattform. // Aber die BILDER sind PRIVAT und stammen aus dem Garten der unter „Viertens“ zitierten Tante und Oma. 

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