Rettet die Berliner Märchenhütten!

Aufsehen zu einer Institution: Die Märchenhütten „Jacob“ und „Wilhelm“ am Berliner Monbijoupark. PRIVATES BILD.

Beginnen wir mit einem Exkurs: Einen Glückspilz als „Hans im Glück“ zu titulieren, ist bestenfalls ironisch gemeint und schlimmstenfalls grob fehlerhaft, denn „Hans im Glück“ ist nicht wie der gesegnete Jüngling im Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren, sondern der ältere Bruder von „Hanns Guck-in-die-Luft“. Das Märchen von Hans im Glück handelt von einem Lehrling, der auf seiner Suche nach dem geringsten Widerstand und größtmöglichem Komfort ständig übervorteilt wird. So tauscht er seinen Lohn für sieben Jahre – einen Klumpen Gold – gegen ein Pferd, das störrische Pferd gegen eine Kuh, die alte Kuh gegen ein Ferkel, das gestohlene Ferkel gegen eine Gans, die nutzlose Gans gegen einen Wetzstein und der schwere Wetzstein schließlich fällt ihm in den Brunnen. Doch anstatt verdrießlich in die Röhre zu schauen, wähnt sich Hans weiterhin in einer Glückshaut. Seine Genügsamkeit ist eine himmlische Tugend, die jedem zum Vorbild dienen sollte. Vielleicht auch dem Direktor a.D. vom Monbijoupark-Theater und den Märchenhütten. Dem Geschäftsmann-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf wurde unlängst der fehlerhafte Vergleich mit „Hans im Glück“ zuteil, wobei das aktuelle Schmierentheater rund um seinen seit zwei Dekaden lediglich geduldeten Spielort frappierende Ähnlichkeit aufweist mit dem plattdeutschen Märchen Von dem Fischer un syner Fru. Die Geschichte liest sich in etwa so:

Es war einmal in einem Pissputt, also im Innenhof eines besetzten Hauses, da gründete sich in den 1990er Jahren ein „alternatives Theaterprojekt“ namens Hexenkessel Hoftheater. Das freie Ensemble knüpfte Kontakt zu einem verwunschenen Prinzen in Gestalt eines Butts, also zu den kommunalen Größen von Berlin. Weil Ilsebill, also der Theaterdirektor, anspruchsvoll war, wurde ein größeres Haus herbeigewünscht. Mit jedem Wunsch wuchs das Imperium und bestand zuletzt aus einem Freilufttheater, zwei Märchenhütten und der ersten Strandbar Berlins direkt an der Museumsinsel sowie Clärchens Ballhaus in unmittelbarer Nachbarschaft – allesamt verdiente Publikumsmagneten. Doch das Meer vor der eigenen Haustür verdüsterte sich und begann zu stinken. Im Jahr 2015 löste sich das Hexenkessel Hoftheater wegen zwischenmenschlicher Dissonanzen auf und einige Künstler unter dem für seine innovativen Märcheninszenierungen berühmt-berüchtigten Regisseur gründeten das Hexenberg Ensemble, das in Berlin-Prenzlauer Berg im Glaspalast vom Pfefferberg Theater auftrat. Nach der ersten Berg- und Talfahrt zog ein Sturm auf, als sich im Jahr 2018 Beschwerden von neuen Anwohnern über Lärm und Müllberge sowie von freien Künstlern über miserable Arbeitsbedingungen häuften. Der Theaterdirektor „Ilsebill“ indes erwarb trotz offiziell roter Zahlen im 6-stelligen Bereich das Schloss Schwante in Brandenburg und renovierte dieses aufwendig – ab Juni 2019 beginnt die Märchenhochzeitssaison und sind für den Otto Normalfischer keine Restaurantreservierungen mehr möglich.

Ilsebill findet keine Ruh, es sind die Nächte vor dem letzten verheerenden Wunsch. Zwar ist der Fortbestand der Sommerspielsaison durch die Theater an der Museumsinsel g(emeinnützige)GmbH, bestehend aus Ilsebills ehemaligen Kollegen, gesichert, nicht aber die Zukunft der winterlichen Märchenhütten. Lebten wir in einem slawischen Märchen, erhoben sich die beiden Häuschen und liefen auf ihren Hühnerbeinchen mit der Hexe Baba Jaga davon, um sich an einem anderen Ort niederzulassen. Die Hexe Ilsebill aber spekulierte bis zuletzt auf ein Gewohnheitsrecht und will ihre verwitterten polnischen Holzhütten niemandem überlassen. Anstatt aber, wie es einem „alternativen Theaterprojekt“ gut zu Gesicht stünde, viel früher seine engagierten Mitarbeiter und talentierten Künstler, die benachbarten Anwohner und die bedrohte Umwelt zu hegen und zu pflegen, ähnelt die Geschichte ein bisschen George Orwells Fabel von der Farm der Tiere. Ursprünglich sieben Gebote, die die Gleichheit und Freiheit aller propagierten, wurden vom (so erzählen einige hinter vorgehaltener Hand) „gefürchteten Boss“ eingeschränkt und gekürzt, bis nur noch ein Gebot übrig blieb: ALLE TIERE SIND GLEICH, ABER MANCHE SIND GLEICHER. So bangen nun jene um ihre Existenz, die in Märchen nur selten erwähnt werden: die treuen Untertanen.

Blick von der Monbijoubrücke auf die kommende Strandbar am Bode-Museum. PRIVATES BILD.

Mehrere (ehemalige) Gastronomie- und Theatermitarbeiter initiierten vor einigen Tagen die Online-Petition zur Rettung des „Original Berliner Monbijou Theaters und der Märchenhütten“ in ihrer bisherigen Form. Der schnelle Stimmzuwachs lässt ein Quorum im Berliner Senat zugunsten des Theaterdirektors a.D. in greifbare Nähe rücken. Mit Ausnahme der Grünen und Teilen der Linken pochen bislang sämtliche Fraktionen auf den Fortbestand des Spielorts. Außerdem spricht die rege Beteiligung an der Petition für die Beliebtheit der Kulturstätte im Monbijoupark. Die Kunde von seinem egalitären Charme reicht bis zu den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen! Eine Gentrifizierung, wie sie zuweilen kritisiert wird, ist allerdings nicht auszumachen, zumal der Geschäftsmann-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf jahrein jahraus großzügig die als gemeinnützig ausgewiesenen Grünflächen zur kommerziellen Nutzung und „Querfinanzierung des Theaterbetriebs“ eroberte – lange bevor die alljährliche Sondergenehmigung für den Gastronomiebetrieb mit der Brieftaube eintrudelte. Das Theater erhielt und erhält keinerlei staatliche Förderung und bei rechtlicher Sicherheit sowie Einhaltung des Mitarbeiterwohls wäre dem Theaterdirektor a.D. ein eigener Nibelungenhort von Herzen zu wünschen gewesen. Doch gerade der Lärmpegel, an dem sich neue Anwohner zu Recht störten, wie auch die desolate Buchführung und die Hinweise auf eine persönliche Bereicherung vom „gefürchteten Boss“ auf Kosten anderer sowie auf einer gemeinnützig ausgewiesenen Fläche – was die Politiker und gewiss auch so manchen Robin Hood oder auch Finanzamt aufhorchen ließen – verlangten seit längerem nach einer Reformierung. Nun versucht ein neuer, gemeinnütziger Betreiber sein Glück und will auch den talentierten und engagierten Mitarbeitern helfen.

Greift nach der entgegengestreckten Hand, ihr Künstler! Ein Hoch auf die Märchenhütten! Und nieder mit dem Pissputt!

Weiterführende Links

Für den Tagesspiegel verfassten Kai Müller, Laura Hofmann und Kevin P. Hoffmann eine aufschlussreiche Reportage (10.04.2019): https://www.tagesspiegel.de/berlin/drama-im-park-um-das-monbijou-theater-tobt-erbitterter-streit/24184652-all.html (Zuletzt abgerufen und verwendet am 13.05.2019).

Link zur Petition „Rettet das Original Berliner Monbijou Theater und die Märchenhütten“ (Petition läuft seit dem 10.05.2019): https://www.openpetition.de/petition/online/rettet-das-original-berliner-monbijou-theater-und-die-maerchenhuetten (Zuletzt abgerufen und verwendet am 13.05.2019).

Der satirische Beitrag basiert auf eigenen Internetrecherchen und insbesondere den differenzierten Recherchen von Laura Hofmann (Tagesspiegel Berlin).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.