Ein Spaziergang mit der Kräuterfrau Alfruna

Inzwischen weit verbreitet ist das Phänomen, ungewohnte Körperfunktionen als Symptome in der Google-Suche einzugeben und mit einer furchterregenden, meistens jedoch (glücklicherweise) gegenstandslosen Krankheitsdiagnose zum Arzt zu stürmen. Landauf, landab lässt sich ein Lerneffekt beobachten, sodass eine „latente Hypochondrie“ wohl eher nicht mehr zu den häufigsten Volkskrankheiten zählen wird. Wer aber doch einmal erkrankt, besinnt sich gern auf das geflügelte Wort der Mystikerin und Universalgelehrten Hildegard von Bingen (1098-1179): Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen! Nur assoziiert man Kräuter heutzutage vielfach mit bedingt schmackhaften Kräutertees zur Linderung von Verdauungsbeschwerden, etwa nach einer fetten Mahlzeit. Am bekanntesten sind Kamille, Fenchel oder auch Liebstöckel. Doch Kräuter sind weitaus vielseitiger, wie die Kräuterfrau Alfruna dieser Tage am Jagdschloss Grunewald in Berlin bewies.

Guten Tag, riefen die Besucher. Gott zum Gruße, erwiderte die züchtig gekleidete Kräuterfrau Alfruna und entführte ihre Gäste für einige Stunden an den Beginn der frühen Neuzeit. Es war der Tag vor der Rückkehr ihres Herrn, Kursfürst Joachim II. von Brandenburg (1501-1571), als die Kräuterfrau ihre Gäste durch ein hohes Tor in den naturbelassenen Schlossgarten direkt am Grunewaldsee einließ. Wer die Heilkräfte der Pflanzengewächse kenne, so die fromme Kräuterfrau, gerate allzu leicht in den Ruf eine Hexe zu sein. Doch sie vertraue ihren Gästen, sie nicht unerwartet an den Pranger zu stellen und gewährte einen Einblick in ihren unergründlichen Wissensschatz: Welche Kräuter helfen frisch oder getrocknet am besten gegen bestimmte Gesundheitsbeschwerden? Welche Pflanzen sollte lieber der erfahrene Medicus verordnen und dosieren? Wofür steht das Erblühen der Gänseblümchen? Welches Kraut bietet Schutz vor bösen Geistern und Verwünschungen? Welcher Baum hat die richtigen Äste für Wünschelruten zum Aufspüren von Wasseradern? Welches Material lässt sich aus den Fasern im Inneren eines Brennnesselstiels gewinnen? Was hat die Märchenfigur Frau Holle mit der Erdenmutter gemein? Unter welchem Gewächs erlag der Zauberer Merlin seinem eigenen Liebeszauber? Welches Kraut verhilft der Manneskraft zu Höchstleistungen? Woher kommt die gezackte Blattform der Eiche? Wie kam der Holunder in die Welt? Nun, wer nach Antworten auf all diese und auch auf seine eigenen Fragen sucht, ist bei der ehrwürdigen Kräuterfrau Alfruna in guten Händen. Um die Neugier nicht überzustrapazieren, soll zumindest das Geheimnis um das Aphrodisiakum gelüftet werden. Seit dem Mittelalter gilt die Regel: Petersilie hilft dem Mann aufs Pferd, der Frau aber unter die Erd. Wünscht sich die Frau also ein Kind, verfeinert sie einfach die Mahlzeiten ihres Gatten mit ein wenig Petersilie, bis das gewünschte Ergebnis eintritt und sie endlich guter Hoffnung ist.

Apropos guter Hoffnung. Im Januar 2019 geriet die Petersilie sogar in die Schlagzeilen, als Frauenärzte davor warnten, das Gewächs vaginal einzuführen. Manch einer wunderte sich, dass man einen solchen Ratschlag überhaupt erteilen muss, doch zuvor veröffentlichte die Website Marie Claire den unhygienischen und lebensgefährlichen Vorschlag zur vaginalen Anwendung von Petersilie in einer Liste von Lebensmitteln und Handlungen mit menstruationsfördernder Wirkung. Eine Frau kann unterschiedliche Gründe haben, ihren Menstruationszyklus beeinflussen zu wollen. Wird aber hinter einem ungewöhnlich langen Ausbleiben der Periode eine ungewollte Schwangerschaft vermutet, könnte eine verzweifelte Frau versuchen, ihre Periode und damit eine Fehlgeburt gewaltsam herbeizuführen. Wohl um kopflose Nachahmungen zu vermeiden, unterschlugen Medienberichte hierzulande vielfach die abortive Wirkung von Petersilie, deren Anwendungstradition als sogenanntes Hexenkraut bis ins Mittelalter zurückreicht. So heißt eine enge Straße, in denen einst „leichte Mädchen“ ihre Liebesdienste ungeschützt feilboten und darum regelmäßig Schwangerschaftsabbrüche vornahmen, noch bis heute Petersiliengasse. In diesem Milieu waren die häufigsten Ursachen für einen frühen Tod neben sexuell übertragbaren Krankheiten auch die selbständige Überdosierung vom Petersiliengewächs. Denn anstatt, wie auch heute geboten, bei einer Schwangerschaft umgehend den Arzt aufzusuchen, kann ein solcher Abtreibungsversuch daheim zu schwerwiegenden Infektionen oder einem septischen Schock führen und damit tödlich enden. In diesem Sinne lautet der wichtigste Ratschlag, den uns Kräuterfrau Alfruna aus der Renaissancezeit in die Gegenwart mitgibt: Wer mit Giftpflanzen hantiert, sollte stets den Medicus aufsuchen!

Weiterführende Links:

Hinter der fiktiven Figur der Kräuterfrau Alfruna steckt die Erzählerin Astrid Heiland-Vondruska. Freischaffend und im Ensemble Hof-Spielleut schlüpft sie in verschiedene Rollen und entführt ihr Publikum in die Welt der Märchen und Sagen. Ihre Internetseite: www.maerchen-berlin.de (Zuletzt geprüft und verwendet am 19.05.2019).

Vor der gefährlichen Wirkung von Petersilie warnte als erste die britische Zeitung The Independent (18.01.2019): https://www.independent.co.uk/life-style/parsley-vagina-why-start-periods-delay-hormones-tea-doctor-advice-a8733461.html (Zuletzt geprüft und verwendet am 19.05.2019).

Meine persönlichen Eindrücke vom Jagdschloss Grunewald in der Rubrik „Fliegender Teppich“: https://magictatsch.com/2019/05/22/jagdschloss-grunewald/.

Der Beitrag basiert auf meinem Besuch der Veranstaltung „Zauberpflanze Hexenkraut“ am 19. Mai 2019 sowie auf eigenen Internetrecherchen. Die privat aufgenommenen Bilder werden mit der Einverständnis von Astrid Heiland-Vondruska (Kräuterfrau Alfruna) veröffentlicht.

2 Kommentare zu „Ein Spaziergang mit der Kräuterfrau Alfruna

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