Disneys Realverfilmung Aladdin

Privates Bild: Orientalisch und opulent – ein Schmuckkästchen-Dromedar. Käuflich erworben während eines Ägypten-Urlaubs vor einigen Jahren.

Als mündlich überlieferte Märchenerzählungen verschriftlicht wurden, entstanden durch deren redaktionelle Bearbeitung neue Textgattungen wie die „Gattung Grimm“. Aus den bekanntesten Märchen zauberte Disney unvergessliche Zeichentrickabenteuer, sodass deren Realverfilmungen nun auf die hochgeschraubten Erwartungen eines herangereiften Publikums stoßen. Böse Zungen unterstellen dem Disney-Konzern, seine bisherigen Realverfilmungen bewährter Klassiker seien die Vorhut zum grassierenden Mangel an Kreativität. Dabei sollten selbst die beliebtesten Märchenfassungen nicht als Endpunkt einer Adaptionsgeschichte missverstanden werden. Es liegt in der Natur des Märchens, sich stets den sich wandelnden Publikumsbedürfnissen und damit dem vorherrschenden Zeitgeist anzupassen. Womit wir auch schon beim neuen Disneyfilm Aladdin wären.

Der Regisseur Guy Ritchi spielt mit unserer blassen Erinnerung an das mehrteilige Zeichentrickspektakel, in dem der „ungeschliffene Diamant“ Aladdin mithilfe eines vorlauten Flaschengeists erfolgreich um die Hand der Prinzessin buhlt. Die Prinzessin, die im Märchenzyklus Tausend und eine Nacht den vielsilbigen Namen Bedrulbudur (zu Deutsch: Mond der Monde) trägt, heißt bei Disney wie die wohlriechende weiße Blume Jasmin. Ihre Zeichentrickfilm-Kostümierung als exotische, sinnliche Bauchtänzerin weicht in der Realverfilmung einer Robe, die dem traditionellen Brautkleid aus den allseits beliebten Bollywood-Filmen in nichts nachsteht. Auch die königlichen Ansprüche werden höher geschraubt, denn anstatt nur nach Wahlfreiheit in Liebesdingen zu streben, bricht die Prinzessin in der Realverfilmung mit allen Konventionen und will Herrscherin über sich und ihr Volk werden. Interessanterweise tritt die Prinzessin im Originaltext, wo sich Frauen nur vollverschleiert vor die Haustür begeben, automatisch die Regentschaft an – in Ermangelung eines männlichen Thronfolgers! Bei Disney dagegen fristet die Prinzessin Jasmin ein Dasein im „goldenen Käfig“. Symbolisch für die Fesseln steht in der Realverfilmung der goldene Armreif ihrer Mutter, den der Straßendieb Aladdin der Prinzessin erst abnimmt und Stunden später als Zeichen seiner aufrichtigen Verbundenheit wieder um ihr Handgelenk legt.

Stärker als der Zeichentrickfilm behandelt die Realverfilmung das Gefälle zwischen Macht und Freiheit. So lautet das geflügelte Wort zur Charakterisierung des extrovertierten Flaschengeists Dschinni: „Phänomenale kosmische Kräfte, winzig kleiner Lebensraum“. Sein letztlich erfüllter Wunsch nach Freiheit endet, anders als im Zeichentrickfilm, nicht mit der bloßen Befreiung eines weiterhin magischen Wesens von fremden Meistern, sondern kulminiert in seiner Menschwerdung – ein moralisierendes Finale wie bei den Welterfolgen Arielle und Merida. Doch anstatt sich regional permanent zu verwurzeln, wird der unerträglich enge Lebensraum der Lampe gegen die schier grenzenlosen Weiten der sieben Weltmeere eingetauscht. Der faktische Freiheits- und Machttausch zwischen dem Dschinni und dem bösen Zauberer Jafar lässt Spekulationen darüber zu, wie der Flaschengeist in die Lampe kam: Vor langer Zeit fand der Dschinni eine Lampe und erlag seiner ausufernden Gier, da er sich an die Stelle des früheren Flaschengeists wünschte. Geläutert von der tausendjährigen Gefangenschaft ermahnt er auch andere zur Mäßigung, bis er nach seiner Befreiung schließlich ein idyllisches Familienleben in Freiheit führt.

Um seinen Missionierungsdrang wie auch die Atmosphäre nicht zu untergraben, taten die Disney-Filmemacher gut daran, in der Realverfilmung auf popkulturelle Anspielungen und sogenannte easter eggs, also Anspielungen auf andere Disneyfilme, zu verzichten. In diesem Sinne nähert sich Disneys Realverfilmung Aladdin wieder dem Originaltext aus dem Märchenzyklus Tausend und eine Nacht an. Handelten die Zeichentrickfilme noch primär von Ehrlichkeit und nicht näher spezifizierten „inneren Werten“, rücken durch den charismatischen Rahmenerzähler ehrbare Tugenden wie Geduld und Genügsamkeit wieder stärker in den Mittelpunkt. Dieser Handlungsstrang ist mindestens ebenso beachtenswert wie die weitaus stärker rezipierte Emanzipation der Prinzessin Jasmin.

Privates Bild: Orientalische Gewürze auf einem arabischen Markt. Entstanden während eines Ägypten-Urlaubs vor einigen Jahren.

Weiterführende Links:

Rezension in FILMFUTTER (22. Mai 2019): https://www.filmfutter.com/aladdin-2019/ (Zuletzt geprüft und verwendet am 26. Mai 2019).

Rezension in DIE ZEIT (22. Mai 2019): https://www.zeit.de/kultur/film/2019-05/aladdin-kinofilm-disney-remake-guy-ritchie/komplettansicht (Zuletzt geprüft und verwendet am 26. Mai 2019).

Wer in Kindheitserinnerungen schwelgen mag, ist herzlich eingeladen meine Playlist zu allen 86 Episoden aus der Zeichentrickserie Aladdin anzuschauen. Bis auf drei Folgen (67, 81, 85), die nur auf Englisch aufzutreiben waren, versammelt die Playlist alle deutschsprachigen Folgen: https://www.youtube.com/playlist?list=PL2CBdt8WsPH-Rb3LqCod8pLI3ZTJJXdrC (nicht in der Freitextsuche, sondern nur über diesen Link erreichbar).

Der Beitrag basiert auf eigenen Recherchen und meinen persönlichen Eindrücken der deutschsprachigen Version der neuen Realverfilmung. Die Bilder sind privat entstanden.

Ein Kommentar zu „Disneys Realverfilmung Aladdin

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