Weltherrschaft der Einhörner

Eigenes Kunstwerk: Prototyp vom pummeligen Regenbogen-Glitzer-Einhorn mit Flügeln.

Vor zehn Jahren noch war „ein Emo zu sein“ der letzte Schrei in der jugendlichen Subkultur. Verzweifelt kämpfte ich um einen Platz in dieser hippen Elite, doch jetzt, nach einem Jahrzehnt der Resignation und des Naserümpfens über die Ablösung der Emo-Ikonen durch den Holzfällerhemden-Hipster-Kult, werden nun doch endlich alle meine Kleinmädchenträume wahr: Cookie-fressende Regenbogen-Glitzer-Einhörner mit Flügeln, wohin man auch schaut! Und die Augen können und werden sich so schnell nicht sattsehen an der grellen Farbenpracht!

Zugegeben, anfangs stand ich diesem Trend zur Infantilisierung skeptisch gegenüber. Wenn kleine Mädchen überdimensionierte Schulranzen und überteuerte Schreibtischartikel voll Einhorn-Motiven mit sich herumschleppen, oder sich eitel mit Textilien und Haarclips schmücken, von denen pummelige Einhörner den Betrachter süffisant angrinsen, mag das noch angehen. Meinetwegen auch Einhorn-Cornflakes oder -Käse, um den Appetit zu steigern; auch Einhorn-Seife, um zur Körperhygiene zu disziplinieren und selbstverständlich Einhorn-Bettwäsche und -Kuscheltiere, um dem geliebten Kind sein eigenes Prinzessinnenreich einzurichten. Ab dieser Stelle wird dem wilden Einkaufen meist ein Riegel vorgeschoben, denn erste Elternpaare entwickelten infolge des traumatisierenden „Anna und Elsa“-Debakels ein sensibles Frühwarnsystem gegenüber dem Domino-Effekt von Merchandisingartikeln. Zumal das Einhorn in Begleitung von Mops und Flamingo daher galoppiert.

Stündlich mehren sich auf Instagram die Abermillionen Beiträge zu Einhorn-Gebäck, Einhorn-Dekoration, Einhorn-Partys, ja sogar Einhorn-Frisuren, -Makeup, -Maniküre und Einhorn-Tattoos. Freilich lassen sich nicht Kinder die Einhorn-Tattoos stechen und die Haare in fluoreszierenden, also im Dunkeln leuchtenden Pastell- und Knalltönen kolorieren, sondern junge und junggebliebene Erwachsene. Für diese Altersgruppe existieren Konsum- und Lifestyle-Artikel von klebrig-süßen Einhorn-Likören (Kokos und Erdbeere) über dreilagiges Einhorn-Toilettenpapier bis hin zu veganem (!) Einhorn-Spielzeug für Erwachsene – es sei der Phantasie des Lesers überlassen, woraus der zottelige Regenbogen-Schweif sprießt. Und nicht nur des Nachts wurden schon vollgekleckerte Einhorn-Ganzkörperanzüge unweit vom Berliner Clubreigen gesichtet. Mein Credo lautet „Leben und leben lassen“, sodass ich von der These über die Infantilisierung erwachsener Einhorn-Liebhaber Abstand nehme. Das hat übrigens rein gar nichts damit zu tun, dass ich mich an einem Samstagmorgen dazu aufrappelte, ein Café in Berlin-Schöneberg zu stürmen, um die Erste zu sein, die den endlich ins Dauerprogramm aufgenommenen Einhorn-Freakshake ablichtete und verköstigte.

Eine Infantilisierung findet nicht statt, aber die Infantilen gehören zu Deutschland. Wie gesagt, ich distanziere mich von der Infantilisierungsthese und der Anlass dafür war die Politisierung des Einhorns im vergangenen Jahr. Mehrere namenhafte überregionale Nachrichtenseiten waren auf eine Falschmeldung hereingefallen und schrieben eifrig voneinander ab, dass die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch Einhorn-Spielfiguren als homosexuelle Propaganda verteufelte. Zitat: „Kinder würden so durch die positive Verwendung der Regenbogensymbolik verleitet, mit homosexuellen Neigungen zu experimentieren, so von Storch. Dass das Einhorn als ‚Einhornstute‘ angepriesen wird, das Horn aber als Phallus-Symbol interpretiert werden könne, sei außerdem eine Abkehr von binären Geschlechtern und damit ein Angriff auf die traditionelle Ehe und Familie.“ Dagegen, so die blühende Phantasie der übereifrigen Nachrichtenredaktionen, habe die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katrin Göring-Eckardt in einer Polit-Talk Show mit einem Einhorn-Aufklebe-Tattoo im Dekolleté protestiert.

Ein solches Einhörnchen prangte während der Fernsehsendung tatsächlich auf Göring-Eckardts Schlüsselbein, stammte aber noch von einer gegen die AfD gerichteten Demonstration in Berlin. Auch wenn den obigen Zusammenhang eine Internetseite inspirierte, die (auch ohne investigative Recherchen auffindbar) gleich auf der Startseite zum Ausdenken eigener „Witze“ in Gestalt von dubiosen Falschmeldungen einlädt, wird das Einhorn durch die Verwendung auf einer politischen Demonstration (und überhaupt in bestimmten politischen Milieus) symbolisch stark aufgeladen. Stand das Einhorn in der jugendlichen Subkultur noch für bloße Lebensfreude, Selbstverwirklichung und eine „Die Welt IST ein Ponyhof“-Mentalität, wo im Hintergrund Aquas Hit „Barbiegirl“ in einer Endlosschleife dudelt, so adelt es die politische Vereinnahmung zur utopischen Heilslehre.

Anstatt es dem Artensterben zu überlassen, erfährt das letzte Einhorn eine Welle der Solidarität, denn seine Rettung verheißt grenzenlose Freiheit, Nächstenliebe und Toleranz; endlich herrschen liberté, égalité, fraternité. In diesem Paralleluniversum haben die Klimademonstranten ihre ambitionierten Ziele erhüpft, wofür sie zur Belohnung ihre Schul- und Studienabschlussnoten alle gleichzeitig aus einem Lostopf ziehen durften – maximale Chancengleichheit eben. In dieser Welt fließen Milch und Honig, selbst nicht-menschliche Karnivore konvertierten nur mithilfe von ein klein wenig Genmanipulation zum Veganismus und anstatt irgendwelcher Landesflaggen hissen die öffentlichen Gebäude dieser Welt nur noch die Gute-Laune-Regenbogenfahne. Schließlich wurde das einst so unbeholfene Denglisch sonnenverbrannter Mittelmeer-Urlauber und verstrahlter Vorort-Lisas im australischen Busch zum einzig wahren kosmopolitischen Dialekt erhoben. Kurzum: Das Einhorn steht für einen nicht enden wollenden Karneval der Kulturen! Einfach knorke!

Doch so ein Mittsommernachtstraum hat auch seine Schattenseiten, wie wir spätestens seit Shakespeares gleichnamigem Bühnenstück wissen. So war Anfang Mai 2019 bei der Eröffnung der Remstal-Gartenschau (Baden-Württemberg) die Freude riesengroß über das fleischgewordene Stadtwappen von Schwäbisch Gmünd, ein weibliches Bodypaint-Einhorn. Doch das frivole Fabelwesen war nur so lange von Kindern und einer Handvoll Eltern unverklemmt zu bestaunen, bis der über seinen geglückten Geniestreich in Freudentaumel geratene Oberbürgermeister die inkognito auftretende Person mit den Worten outete: „So sehen die Stadträtinnen aus in Schwäbisch Gmünd!“ Diesen halboffiziellen Auftritt der entlarvten Linken-Kommunalpolitikerin quittierte eine Journalistin der Stuttgarter Zeitung mit den Worten: „Aber wieso ließ sich nicht der Oberbürgermeister anmalen und in Unterhose sowie mit Horn auf die Bühne geleiten? Weil es unangemessen gewesen wäre. (…) Dass leicht bekleidete Damen, die sich so lasziv wie hirnentleert auf Motorhauben räkeln, ein inakzeptables Frauenbild vermitteln, darauf können sich heutzutage wohl die meisten verständigen. Und so stellt sich erst recht die Frage: Welchen Sinn hat es, eine Gartenschau mit einer Halbnackten zu eröffnen?“ Urplötzlich stand das Einhorn nicht mehr für Toleranz und Selbstverwirklichung, sondern für ästhetische Unzumutbarkeiten und Sexismus. Die unschuldigen Kinderlein auf der Eröffnungsfeier jedenfalls fanden das Bodypaint-Einhorn zauberhaft, manche wollten sogar die Hand auflegen und einen Wunsch aufsagen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mich über mehr Besonnenheit, Feingefühl und Respekt im zwischenmenschlichen Umgang freuen. Wenn das schon wieder leer ist, nehme ich einfach einen Einhorn-Freakshake. Stößchen!

Weiterführende Links:

Die Seite BildBlog klärt ausführlich über die Zeitungsente zum politisierten Einhorn auf (29.05.2018): https://bildblog.de/98727/medien-fallen-auf-witz-rein-und-lassen-katrin-goering-eckardt-mit-einem-einhorn-gegen-beatrix-von-storch-protestieren/ (Zuletzt geprüft und verwendet am 15.06.2019).

Die Stuttgarter Zeitung listete die Pros und Kontras vom Einhorn-Bodypainting der Stadträtin (veröffentlicht am 13.05.2019): https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.pro-und-kontra-sollte-eine-stadtraetin-oeffentlich-halbnackt-auftreten.33754590-41b6-47bc-9b44-b40c4a4a0223.html (Zuletzt verwendet und aufgerufen am 15.06.2019).

EXKLUSIVTIPP: Ein (Photoshop)Bilderbuch vom Naumann Göbel Verlag informiert über Rassen, Lebensweise und Haltung. Inklusive Panda-, Kitty-, Lama- und Piggycorns! Für einen Einblick ins Buch habe ich bei Instagram ein Story-Highlight namens „Einhörner“ an (unbezahlte Werbung, selbstgekauft).

Der SATIRISCHE Beitrag beruht auf eigenen Internetrecherchen und enthält eine eigene Illustration, ein waschechtes magictatsch-Original!

2 Kommentare zu „Weltherrschaft der Einhörner

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