Hermannsdenkmal

Anstatt mit einer adretten Landschaftsbeschreibung, die auch auf Wikipedia nachzulesen wäre, beginnt mein Text zum Hermannsdenkmal mit einem Exkurs zum Sinn von Mythen und Märchen.

Gewaltszenen, schwarze Pädagogik, völkische Instrumentalisierung. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm waren den antiautoritären Kreisen einst ein Dorn im Auge und wurden um 1968 aus den Kinderzimmern der westlichen Welt verbannt. Knapp 10 Jahre später rehabilitierte der jüdisch-amerikanische Kinderpsychologe Bruno Bettelheim die verpönten Volkserzählungen mit seinem Werk „Kinder brauchen Märchen“ (im englischen Original: „The Uses of Enchantment“). Bettelheims tiefenpsychologische Märchendeutungen belegen, dass sich Kinder, ohne zwischen Männlein und Weiblein zu unterscheiden, bereitwillig mit den stereotypen Märchenhelden identifizieren.

So dürfen Kinder ihre sämtlichen, sogar destruktiven Persönlichkeitsaspekte wenigstens in der Phantasie ausleben. Durch Impulskontrolle lernen sie das Gleichgewicht zwischen Lust und Verantwortung herzustellen und stärken sich im Geiste für die vielen Stufen auf dem Weg zu einem unabhängigen Leben. Anstatt eine bloße Auszeit von den Querelen des Alltags zu bieten, werden die irdischen Nöte mit dem Sinn des Lebens aufgewogen, nämlich dem hoffnungsvollen, unermüdlichen Streben nach Selbstbestimmung.

Symbolisch-bildhafte Märchen sind die ideale seelische Nahrung für eine gesunde Entwicklung der kindlichen Psyche. Dabei waren Märchen ursprünglich für ein erwachsenes Publikum gedacht, bis die Brüder Grimm aus lauter mündlich überlieferten Märchenerzählungen ihre inzwischen weltbekannten jugendfreien Schrifttexte schafften. Um heutzutage auch bei Erwachsenen die Lust am Leben trotz all seiner Fallstricke zu entfachen, bedarf es Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Eine solche wahre, jedoch bislang fast unbekannte Geschichte will ich hier aufschreiben, in der Hoffnung, dass sie weithin bekannt und sichtbar wird wie das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Apropos, wenden wir uns zuvor noch der „Arminiussäule“ zu.

Das Hermannsdenkmal in Detmold ist mit einer Höhe vom 26,57 m (inklusive Sockel sogar 53,46 m) die größte Statue Deutschlands. Sie zeigt den Cheruskerfürsten Arminius – eingedeutscht zu „Hermann“ – wie er am Ende der Varusschlacht den drei westwärts über den Rhein fliehenden römischen Legionen hinterherblickt. Diesem Mann des Heeres (= Hermann) war es gelungen, vier germanische Stämme zu einen und die Romanisierung der rechtsrheinischen Gebiete zu verhindern.

Dieser Geschichte lauschte ein Junge namens Ernst von Bandel (1800 – 1876) immer wieder, während französische Truppen seine Heimatstadt Ansbach besetzt hatten;  das Ende von Kaiser Napoleons Herrschaft wurde erst mit der Völkerschlacht von Leipzig 1813 eingeleitet. Als Jugendlicher entwickelte Ernst von Bandel seine über die Jahre immer konkreter werdende Vision von der „Arminiussäule“ und ließ sich zum Architekt und Bildhauer ausbilden. Durchdrungen vom Geist der Romantik sprach er bei der Grundsteinlegung zu seinem Lebenswerk im Jahr 1838: das Denkmal solle ein Mahnmal sein, „fremde Sitten, fremdes Recht und fremde Freiheit zu achten und eigene Sitte, eigenes Recht und eigene Freiheit zu wahren“.

Leider war „Einigkeit und Recht und Freiheit“ nicht der Leitspruch der anschließenden Bauphase. Wegen der heiklen politischen Situation, finanziellen Engpässen und des damit verbundenen Fachkräftemangels verzögerten sich die Fertigstellung und festliche Einweihung des Nationaldenkmals bis zum Sommer 1875. Bereits ein Jahr später verstarb Ernst von Bandel. Als Perfektionist und handwerklich begabter Autodidakt hatte er wiederholt selbst mit angepackt und mit dem Segen seiner Familie auch mit seinem Privatvermögen ausgeholfen, um seine Vision nicht unvollendet der Nachwelt zu hinterlassen.

bandel-arbeitstisch
Privates Bild: Diese verwitterten Steinblöcke dienten Ernst von Bandel als Arbeitstisch, von wo aus er stets seine Baustelle überblicken konnte. Erkennt man den Hermann im grellen Sonnenlicht?

Unterm Strich hat Bandel weniger dem Cheruskerfürsten Arminius oder der jungen deutschen Nation ein Denkmal gesetzt als vielmehr den Visionären dieser Welt. Das Hermannsdenkmal – bis zum Bau der Freiheitsstatue im Jahr 1886 die höchste Statue der westlichen Welt – steht für eine Lektion, die auch Märchen anschaulich vermitteln: dass jeder Mensch mit Fleiß und Ausdauer, aber auch mit einer liebevollen Familie im Rücken, jedes noch so unglaubliche Ziel erreichen kann.

Bevor jemand einwirft, dass „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ nur privilegierten Gruppen vorbehalten sei, kommen wir endlich zur wahren Geschichte, die ich eingangs aufschreiben wollte.

Im zentralasiatischen Kirgisistan (Kirgisien) lebte seit mehreren Generationen die russlandmennonitische Bauernfamilie Wedel als im Jahr 1931 der kleine Jakob das Licht der Welt erblickte. In seinem jungen Leben hatte er viel Leid erfahren und war mit seinen vier Geschwistern oft auf sich gestellt. Erst wurden in den 1930er Jahren mehrere Angehörige seiner streng gläubigen Familie von den stalinistischen Machthabern inhaftiert und erschossen. Während des „Großen Vaterländischen Kriegs“ dann wurde seine Eltern 1942 deportiert und zur mehrjährigen Zwangsarbeit in die Trudarmee verpflichtet – nur die Mutter kehrte zurück. Um sich und seine Geschwister mehr schlecht als recht zu ernähren, war Jakob Wedel mit nur 10 Jahren zur Kinderarbeit gezwungen.

Mit den verbesserten Lebensumständen konnte Wedel sein handwerkliches Talent als Tischler, Bildhauer und Schnitzer erstmals mit über 30 Jahren ausleben. Seine künstlerische Karriere stellte er nicht aus politischer Überzeugung, sondern wegen des Systemdrucks zunehmend in den Dienst der sozialistischen Propaganda. Diese Annäherung war grotesk, da seine Familie in der Sowjetunion als Mennoniten und als Angehörige der deutschen, per se „faschistischen“ Minderheit gleich doppelt unterdrückt wurde. Für einen kurzen Zeitraum im Jahr 1979 reiste er in das Land seiner Vorfahren und verneigte sich am Fuße des Hermannsdenkmals vor der Lebensleistung von Ernst von Bandel.

Jakob Wedel sollte nach Detmold zurückkehren, denn mit den gelockerten Ausreisebestimmungen durch die Perestroika wanderte er gleich 1988 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Dort verarbeitete seine Lebenserfahrungen in einer kreativen Schaffensphase zu vielfältigen Skulpturen und Plastiken, die mit der menschenverachtenden Stalindiktatur abrechnen. Gemeinsam mit dem russlanddeutschen Schulgründer Otto Hertel und der russlanddeutschen Historikerin Katharina Neufeld trug Jakob Wedel wesentlich zur Gründung des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte bei, dessen Pforten seit 2011 dauerhaft offenstehen.

Das Hermannsdenkmal erwies einen bleibenden Eindruck auf den 2014 verstorbenen Jakob Wedel. Zu Ehren des ruhelosen Künstlers Ernst von Bandel schuf Wedel schon bald nach seiner Aussiedlung nach Deutschland eine Bronzefigur, die Bandel während seiner Präzisionsarbeit an der Faust und dem Schwertgriff der „Arminiussäule“ zeigt. Indem der bloße Schwertgriff an einen Hammer erinnert, zeigt sich Jakob Wedels pazifistische Einstellung, dass nicht Kriege oder Siege die Menschheit überdauern, sondern einzig die von Menschenhand geschaffenen Kunstwerke niemals in Vergessenheit geraten. Doch gleich welches Ziel sich ein Mensch steckt, ob Ruhm zu Lebzeiten oder Ruhm über den Tod hinaus. Die Lektion dieser Geschichte, die auch Märchen anschaulich vermitteln, lautet: dass jeder Mensch mit Fleiß und Ausdauer, aber auch mit einer liebevollen Familie im Rücken, jedes noch so unglaubliche Ziel erreichen kann. Auf die Visionäre dieser Welt!

Privates Bild: Duplikat von Jakob Wedels Bronzeskulptur in der Bandelhütte am Hermannsdenkmal,
das Original steht im Landesmuseum Detmold.

Weiterführende Links:

Für die ZEIT verfasste Elke Kummer eine spannende Rezension zur deutschsprachigen Ausgabe von Bruno Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“ (vom 1. April 1977): https://www.zeit.de/1977/15/hexen-her/komplettansicht (Zuletzt aufgerufen und verwendet am 27. Juni 2019).

Die Sendung mit der Maus bietet eine unterhaltsame Folge zum Innenleben des Hermannsdenkmals: https://www.wdrmaus.de/filme/sachgeschichten/hermansdenkmal.php5 (Zuletzt aufgerufen und verwendet am 27.06.2019).

Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte bietet die permanente Sonderausstellung „KunstMenschSystem – Anpassung oder Widerstand?“ mit den Kunstwerken Jakob Wedels: https://www.russlanddeutsche.de/de/museum/ausstellungen/sonderausstellung-kunst-mensch-system.html (Zuletzt aufgerufen und verwendet am 27.06.2019).

Der Beitrag basiert auf eigenen Recherchen, einschließlich dem Besuch des Hermannsdenkmals und des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Kenntnisse zum psychologischen Nutzen des Märchens eignete ich mir während der Endphase meines Bachelorstudiums (2014/15) an. Die Bilder sind allesamt PRIVAT entstanden.

Ein Kommentar zu „Hermannsdenkmal

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