2037 – Als Jacob Grimm die deutsche Sprache rettete

Privates Bild: Wer die deutsche Sprache liebt, liebt auch ihre Erzählungen!

Bereits seit einem Quartal wächst und gedeiht mein persönlicher Märchenblog und nach den ersten Früchtchen ist es an der Zeit, allen Beteiligten reinen Wein einzuschenken: die Idee zur kreativen Internetplattform entstand dank einer Schreibblockade! Niemals hätte ich geahnt, dass mir die Worte versiegen. Auch hätte ich nicht gedacht, mich in diesem Leben noch einmal so richtig auszutoben; freilich geht es augenblicklich nur um Gedanken auf Papier.

Um mich also von meiner Schaffenskrise abzulenken, sammelte ich eifrig Ideen für potentielle Blogartikel und stieß während meiner Recherchen auf die sagenumwobene Tourismusstrecke „Deutsche Märchenstraße“. Die Rückseite ihrer Broschüre verlautbarte in einer unverschämt winzigen Schriftgröße: Grimm-Jubiläumsdekade von 2010 bis 2019. Wie bitte, was hatte ich verpasst, was stand mir bevor?

Im Jahr 1810 begannen die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in ihrem Geburtsland Hessen Volkserzählungen zu sammeln. In den Folgejahren erschienen mehrere Bände, sodass wir von 2012 bis 2015 das Jubiläum „200 Jahre Kinder- und Hausmärchen“ und von 2016 bis 2018 das Jubiläum „200 Jahre Deutsche Sagen“ begehen. Dabei wird die Sagensammlung überstrahlt vom Ruhm der KHM – der Fachjargon nutzt diese Abkürzung für die Kinder- und Hausmärchen – doch leider schrumpft auch der überlieferte Märchenkanon seit Jahrzehnten.

Selbstverständlich sind Märchen wie sämtliche Genres der Folklore nicht statisch, sondern passen sich stets den veränderten Bedürfnissen jeder neuen Generation an. Ein Beispiel dafür ist die frühe Redaktionsgeschichte der KHM von authentischen, geradezu frivolen Volkserzählungen hin zur „Gattung Grimm“, die sich durch jugendfreie Texte im Geiste des Biedermeiers auszeichnet.

Doch anstatt alten Wein in neue Schläuche zu füllen, wie zuletzt bei den Realverfilmungen beliebter Disney-Klassiker geschehen, könnten diejenigen, die „irgendwas mit Medien“ machen, versuchen unser aller Horizont zu erweitern. Gewiss lässt sich das menschliche Grundbedürfnis nach sinnstiftenden Geschichten auch mit anderen als den immer gleichen Grimm-Märchen kompensieren. Dass sich der Sprung ins kalte Wasser lohnt, belegt eindeutig der Merchandise-Super-Gau rund um den Animationsfilm „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“. Die Filmfortsetzung kommt im November 2019 in die Kinos und scheint der ersten Vorschau nach das Verschwinden der Eltern von Anna und Elsa aufzuarbeiten. Was für ein Nervenkitzel!

Wie dem auch sei: Ungeachtet meiner Voreingenommenheit zugunsten von Märchen gilt es zu verhindern, dass auch das letzte, noch laufende Jubiläumsjahr 2019 unter der Strahlkraft der KHM in die Knie gezwungen wird. Denn die Brüder Grimm waren weit mehr als Geschichtensammler: sie waren die Begründer der Germanistik. So begannen sie ihr Monumentalwerk, das Deutsche Wörterbuch, im Jahr 1838, doch wurden seine insgesamt 17 Bände erst 1961, also nach 123 Jahren, fertiggestellt. Das hat jedoch nichts mit dem laufenden Jubiläumsjahr zu tun.

Denn noch vor dem Deutschen Wörterbuch veröffentlichte Jacob Grimm alle Bänder seiner Deutschen Grammatik, beginnend mit dem ersten Band im Jahr 1819, fortgesetzt in den Jahren 1822, 1826 und 1831 und abgeschlossen im Jahr 1837. Obwohl die KHM einen Teil unserer Kindheit und kulturellen Identität ausmachen, sieht sich der Otto Normalverbraucher pro Tag häufiger mit Fragen der deutschen Grammatik als mit den Handlungssträngen des schrumpfenden KHM-Kanons konfrontiert. Erneut herrscht die Unsitte: „Willst du gelten, mach dich selten“.

Anlässlich des 200. Jubiläums der Deutschen Grammatik plädiere ich dafür, uns die deutsche Sprache in 19 Jahren, sprich 200 Jahre nach der Fertigstellung der Deutschen Grammatik vorzustellen:

Wir schreiben den 21. Februar 2037, den Internationalen Tag der Muttersprache.

09:46 Uhr: In Hanau haben interkulturelle Seelsorger alle Mühe, eine japanische Reisegruppe zu beruhigen. Laut Augenzeugenberichten soll die Jacob-Statue selbständig das Brüder-Grimm-Nationaldenkmal verlassen haben. Am Tatort zurückgeblieben ist nur die Wilhelm-Statue, das Gesicht in den Händen vergraben.

11:18 Uhr: Der westeuropäische Facebook-Firmenserver droht zu kollabieren, da nur dem Klangbild nach als deutschsprachig identifizierbare Nutzerbeschwerden das Kundendienst-Postfach fluten: angeblich sind mehrere Millionen Profile gelöscht worden und bei Anmeldungsversuchen die Fehlermeldung „defizitäre Rechtschreibung“ erschienen . Ein handschriftliches, mit JLCG signiertes Bekennerschreiben zum Hackerangriff lag als erstem Jan Böhmermann vor.

13:39 Uhr: ProfessX Lann Hornscheidt erstattet Anzeige wegen Volksverhetzung. Ein unauffindbarer Einbrecher hinterließ an der Schlafzimmerwand deX gealterteX AktivistX die blutrote Botschaft: „Gender-Studies sind keine Wissenschaft! Zwischen Genus und Sexus besteht kein Zusammenhang!“

16:09 Uhr: Von den Alpen bis an die Küste melden tausende Bibliotheken zahllose Bücherdiebstähle. Ersten Inventuren zufolge fehlen nur die durchgeGENDER*ten Neuauflagen sämtlicher Literaturklassiker. Derweil steigen in der Nordsee kilometerhohe Rauchschwaden auf und liegt der Geruch von verbranntem Papier in der Luft.

19:55 Uhr: Ein Hanauer Rentner-Paar meldet der Polizei, dass die Jacob-Statue wieder an ihrem angestammten Platz steht. Am Sockel prangt eine neue Inschrift: „Von allem, was die Menschen erfunden und ausgedacht, bei sich gehegt und einander überliefert, was sie im Verein mit der in sie gelegten und geschaffenen Natur hervorgebracht haben, Scheint die Sprache das größte, edelste und unentbehrlichste Besitztum. Euer JLCG.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann pflegen sie ihre Muttersprache noch zum 300. Jubiläum der Deutschen Grammatik.

Weiterführende Links:

Satire-Liebhabern sei der Postillon-Artikel „Qualitätsoffensive: Facebook löscht Profile mit zu vielen Rechtschreibfehlern“ empfohlen (30.07.2015): https://www.der-postillon.com/2015/07/qualitatsoffensive-facebook-loscht.html (Zuletzt aufgerufen und verwendet am 26.07.219).

Hartgesottenen sei das Tagesspiegel-Interview mit Lann Hornscheidt „Lasst uns Gender verabschieden“ empfohlen (23.07.2019): https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/interview-mit-lann-hornscheidt-lasst-uns-gender-verabschieden/24687922.html (Zuletzt aufgerufen und verwendet am 26.07.2019).

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