Serena Valentinos „Die Schönste im ganzen Land“

Private Aufnahme vom Buchumschlag (Vorderseite). Die Rosenblüten befinden sich in meinem privaten Besitz und die Schramme auf der Augenbraue der Königin entstand leider beim Transport in meiner Handtasche.

Wann habe ich mich zuletzt so sehr auf die Lektüre eines Buchs gefreut, dass mir allein die Vorbereitung des Bestellvorgangs Schmetterlinge im Bauch bescherte? Ein Teil dieses euphorischen Präludiums war auch die nochmalige Ansicht eines meiner liebsten Disney-Filme: Schneewittchen.

Waschechte Märchenkenner wissen natürlich um die Abweichung von Grimms Textfassung, wo die Prinzessin noch als Kind im Wald bei den sieben Zwergen untertaucht und die böse Königin sie mit einem Schnürriemen, einem Kamm und sogar mit einem Apfel versucht zu töten, sich aber zur Strafe schließlich auf Schneewittchens Hochzeit in rotglühenden Schuhen zu Tode tanzen muss.

Vernachlässigt man die tiefenpsychologische Märchendeutung des amerikanischen Kinderpsychologen Bruno Bettelheim, so bleiben im Originaltext als auch in der Disney-Adaption viele Fragen offen. Warum interveniert der König nicht, sodass Schneewittchen schutzlos ausgeliefert ist? Was hat es mit dem sprechenden Zauberspiegel auf sich? Und was am allerwichtigsten ist: warum ist die böse Königin überhaupt so narzisstisch und neidisch?

All diese Fragen beantwortet der erste Band aus Serena Valentinos Disneys-Villains-Serie: Die Schönste im ganzen Land (Englisch: Fairest of All. A Tale of the Wicked Queen). Die US-amerikanische Autorin hat eine Vorliebe für düstere Geschichten und Charaktere, darum steht ihre Serie zu den Disney-Schurken unter dem Motto:„Evil is made, not born.“ (zu Deutsch: Das Böse geschaffen, nicht geboren).

Der Werdegang der bösen Königin erschien bereits 2009 im englischen Original, woraufhin in immer kürzeren Abständen weitere Titel entstanden. Seit März 2019 veröffentlichte der deutsche Carlsen-Verlag bislang drei von vorerst sechs Büchern in deutscher Übersetzung. Den Kundenbewertungen im Internet nach zu urteilen, erfreut sich die Jugendbuch-Serie gerade bei jung gebliebenen Disney-Nostalgikern einer ausgesprochenen Beliebtheit. Und da kommt meine Wenigkeit ins Spiel.

Die Kundenrezensionen studierte ich erst im Nachhinein. Überwältigt vom originellen Bucheinband und getrieben, ach was, gehetzt von meiner (weiblichen?) Neugier las ich den dicken Wälzer an nur zwei Nachmittagen aus. Ein Grund für das Tempo war gewiss die großzügige Zeichenformatierung. Hinzu kam die unkomplizierte und zugleich ausgesuchte, bilderreiche Sprache. Doch der Hauptgrund war wohl, dass die Handlung einfach spannend und mitreißend war.

Transgenerationales Familientrauma

Am Anfang steht eine bildschöne junge Königin nicht-adeliger Abstammung, die derart introvertiert ist, dass selbst der Leser sich seitenlang über die Herkunft ihrer Minderwertigkeitskomplexe wundert. Die Auflösung ist weder plump noch abgefahren, sondern trotz der märchenhaften Rahmenbedingungen beinahe alltäglich. So ging der Vater der Königin einst einen Tauschhandel mit drei Hexen ein – seine Seele für die Fruchtbarkeit seiner bildschönen Frau. Als seine Frau aber unmittelbar nach der Geburt starb, projizierte der Vater all seinen Frust auf das Kind und misshandelte es bis zu seinem letzten Atemzug physisch und psychisch.

Herangewachsen zu einer bildschönen jungen Frau wird sie vom König hofiert, bis sie den heiligen Bund der Ehe schließen und die Königin zur liebevollen (!) Stiefmutter des noch kleinen Schneewittchens wird – in dieser idyllischen Szenerie beginnt das Buch. Von da an ziehen sich auch die rosafarbenen Rosenblüten wie ein Leitmotiv durch die gesamte Handlung, um Momente voller Zuneigung und des Familienglücks zu signalisieren.

Die scheinbar unbeschwerte Atmosphäre bedrücken aber wiederholte Kriegsfeldzüge des Königs. Als er vom dritten Feldzug nicht heimkehrt, versinkt die Königin in solche Trauer und Verzweiflung, dass sie ihre engste Vertraute und Schneewittchen urplötzlich von sich weist. Ihr einziger Trost wird ein Zauberspiegel, in dem die drei Hexen die Seele des verstorbenen Vaters gefangen genommen und zur Wahrheit verdammt haben.

Der Zauberspiegel verführt die Königin zu einem regelrechten Wahn um die Zuneigung und Anerkennung des Vaters. In ihrem ausufernden Narzissmus vernachlässigt sie Schneewittchen, zu der sie zwar noch gelegentliche Regungen von Mutterliebe verspürt, ihr gegenüber aber zusehends den Neid einer alternden Frau empfindet, die ihre Schönheit mit Hexenkunst konserviert. Doch was dann passiert, ist bekannt.

Private Aufnahme vom Buchumschlag (Rückseite). Die Gift- bzw. Schnapsfläschchen befinden sich in meinem Besitz – aber wer weiß schon, wie lange sie noch gefüllt bleiben. Carpe diem, lebe den Augenblick!

Da die Königin trotz anfänglicher Schwüre auf Perfektion letztlich doch die Fehler des eigenen Vaters wiederholt, ist sie ein Glied in der endlosen Kette von transgenerationalen Familientraumata, die von den Ahnen lückenlos an die Nachgeborenen weitergereicht werden und auch für Schneewittchen kein gutes Ende verheißt.

Für diese Interpretation spricht, dass der Zauberspiegel im Epilog in Schneewittchens Hände fällt und es die Seele der Königin ist, die ihr endlose und stets dagewesene Liebe versichert. Zwar wurde glaubhaft mit dem Mythos von der „Liebe auf den ersten Blick“ aufgeräumt. Doch könnte auch das einsame Schneewittchen den Keim des Bösen in sich tragen und dem Werk der drei Hexen erliegen?

Ausblick und Ratschlag

Die Schlüsselfiguren der gesamten Handlung sind die drei Hexen, die sogenannten „verdrehten“ Schwestern. Wunderte ich mich anfangs noch über die Übersetzung von „odd sisters“, erkannte ich, dass die verdrehten Drillinge in doppelter Hinsicht über einen sprechenden Namen verfügen.

Einerseits beschreibt das Attribut treffend die abneigenden Reaktionen auf das Gebaren der Schwestern, nämlich die Augen verdrehen, die Köpfe wegdrehen, die Rücken zudrehen. Andererseits wird unterstrichen, dass die verdrehten Schwestern der DREH- und Angelpunkt sämtlicher untereinander vernetzter Disneys-Villains-Bücher sind.

Meine grundsätzliche Begeisterung von dem Buch bzw. von dessen durchdachter Übersetzung trübt einzig die Empfindlichkeit des Bucheinbands. So verlockend das haptische Erlebnis seiner samtigen Textur ist, sollte das Buch idealerweise nur mit Samthandschuhen angefasst werden. Ansonsten drohen Fettfilme von Fingerabdrücken und Krater durch Kratzer. Optimistisch gewendet unterstreicht der Einband nur die Moral des Buchs: Jede noch so kleine Handlung hinterlässt ihre Spuren.

In diesem Sinne freue ich mich bereits auf das nächste Buch: Das Biest in ihm (Englisch: The Beast Within. A Tale of Beauty’s Prince).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.