Irene Matts „Zauberschön“

Ein wunderschöner Einband mit eingelassenen, goldfarbenen Lettern. Private Aufnahme.

Lebenszeit ist unser kostbarster Besitz, doch er lässt sich nicht anhäufen, nur auskosten – so lautet der Leitgedanke in Michael Endes Märchenroman „Momo“ (1973). Einen nicht weniger treffenden Aphorismus konnte ich unlängst aus Irene Matts druckfrischem Märchenroman „Zauberschön“ (2019) ableiten: Das Saatgemisch aus Vertrauen, Maß und Ziel treibt die üppigsten von allen Blüten.

Wie ein roter Faden zieht sich diese botanische Metapher durch „Zauberschön“, denn der Zustand der Flora (und von Teilen der Fauna) spiegelt die wirtschaftliche Situation des Königreichs Florapis, dem Land der Blümchen (latein. flora) und Honig-Bienchen (latein. apis).

Der Himmel auf Erden

Anfangs leben die Bürger noch im Paradies, wo jeder nach seinen Fähigkeiten ackert und jedem nach seinen Bedürfnissen von den Früchten der Arbeit zuteilwird. Es ist buchstäblich das allerorten gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen. Dort ersetzt der Imker den Goldschmied, denn sein Honig ist so kostbar wie flüssiges Gold.

Originelle Erzeugnisse aus dem Besten der Pflanzenwelt mehren den Reichtum des Königreichs und seiner Bürger. Dass sie keine stimm- und gesichtslosen Untertanen, sondern im wahrsten Wortsinn freie Bürger sind, zeigt sich im Umgang des Königs Floroberts mit ihnen. Florobert lauscht auf den Willen der Mehrheit und trifft seine vernunftgeleiteten, sorgfältig durchdachten Entscheidungen stets im Sinne des Gemeinwohls.

Das beschriebene Saatgemisch aus Vertrauen, Maß und Ziel schlägt sich auch in der zwischen Arbeit und Freizeit ausgewogenen Lebensführung seiner Bürger nieder – auf Neudeutsch: ihrer work-life-balance. Doch das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur gerät aus den Fugen als der seit Kindertagen unter Angststörungen leidende Thronfolger mit den Regierungsgeschäften betraut wird.

Das Ende einer Ära?

Bekanntlich ist Angst kein guter Ratgeber, trotzdem veranlasst der Thronfolger den Bau einer Mauer. Der Mauerbau führt zur Ausbeutung der zu Untertanen degradierten Bürger und er verschreckt ausländische Herrscher, Kaufleute und Gäste. Gemeinsam mit der einstigen Blütenpracht von Florapis verkümmern sämtliche Wirtschaftszweige.

Neben der externen Abschirmung kommt es zur inneren Spaltung, sowohl privat als auch gesellschaftlich. In allen Köpfen sprießen die Selbstzweifel und wuchert das gegenseitige Misstrauen, die Angst wird zur Epidemie. Dass selbst zaghafteste Regungen des Innovationswillens sofort eingehen wie die Primeln, ist aber das Werk eines vom Baulärm herbeigelockten Fabelwesens, des Tatzelwurms Pankratz vom Hotzenberg.

Der Tatzelwurm Pankratz vom Hotzenberg. Private Aufnahme.

Deutlich kleiner als ein Drache, aber versehen mit der magischen Fähigkeit sich bei Sättigungsgefühl unsichtbar zu machen, bleibt der Ideen-fressende Tatzelwurm lange Zeit unbemerkt. Bis er am Bett von Ava landet, der Tochter des Imkers. Die aufgeweckte Ava durchschaut die Zusammenhänge auf Anhieb und sucht händeringend nach einer Lösung für ihren neuen Freund Pankratz.

Damit der Tatzelwurm zumindest keinen Hunger leiden muss, ernährt er sich Ava zuliebe notgedrungen von Ratten – ein Motiv aus Anne Rices Erfolgsroman „Interview mit einem Vampir“ (1976). Doch anders als ein Vampir entkommt der Tatzelwurm Pankratz seinem moralisch-kulinarischen Dilemma zwischen Ratten und dem (geistigen) Tod der Menschen, den er ihnen durch seinen Ideen-Diebstahl bereitet…

Die frohe Botschaft

Weil die Erwartungshaltung an die allermeisten Märchen das gute Ende ist, erfahre ich gewiss keine Ächtung als sogenannter Spoiler, wenn ich hiermit das hoffnungsfrohe Ende des Märchenromans „nicht nur für Kinder“ (Irene Matt) herausposaune. Doch betrachten wir die Feinheiten, die das Buch für jedes Alter ab zehn Jahren lesenswert machen.

Zunächst wäre da die ausgesuchte Sprache. Abgesehen von einigen allzu modernen Erscheinungen oder Vokabeln wie „Okay“, Schulferien und Tourismus kennzeichnen den Roman abwechslungsreiche, teilweise komplexe, aber nicht komplizierte Sätze sowie allerlei Adjektive, sprechende Namen und detailverliebte, aber nicht langatmige Schilderungen. Nicht nur die umschmeichelnde Sprache, sondern auch die liebevollen Zeichnungen der Illustratorin Silvia Paparella hauchen der dynamischen Erzählung Leben ein.

Als einzige Schwäche erkenne ich die Überlänge der letzten drei Kapitel. Der Spannungsbogen hätte sicher auch mit kleineren, „mundgerechten“ Texteinheiten aufrechterhalten werden können.

Des Weiteren ist die Schlüsselfigur eine weibliche Heldin. Die Imkerstochter Ava ist eine optimistische Aschenputtel-Variante: Als fleißige Haushaltshelferin und Papa-Kind hält sie sich selbstbestimmt vom Kinderkram ihrer Altersgenossinnen fern und bannt die Gefahr einer selbstsüchtigen Stiefmutter in ihrem Hause. Dank ihres Muts, ihrer Klugheit und des hohen Grads an Selbstreflexion vermag sie als einzige das Königreich zu neuem Glanze zu führen. Die Imkerstochter Ava ist es auch, die den Thronfolger ohne jeden Hintergedanken von seiner Angststörung befreit und den tief verborgenen Märchenprinzen offenlegt – wie eine Honigbiene, die die unvollkommenen Pollen erst zu flüssigem Gold verwandelt. Es zeigt sich eine ideale Geschlechtergleichstellung, wo auch Mädchen und Frauen den Jungs und Männern auf Augenhöhe begegnen.

Schließlich verbindet Irene Matts Märchenroman „Zauberschön“ (2019) auf feinfühlige Weise biblisch-religiöse und politische Inhalte. Ohne dass der zeitliche Entstehungskontext Erwähnung findet, verarbeitet die zeitlose Geschichte auf subtile Weise die Lehren des 30. Jubiläumsjahrs der Friedlichen Revolution und des Falls der Berliner Mauer. Bei aller gebotenen Vorsicht stiften ausufernde Zweifel und Angst gefährliche Unruhen, bis hin zur gewalttätigen Polarisierung. Der Märchenroman zeichnet eine Utopie, die den Widerspruch zwischen Liberalismus (Individualismus) und Sozialismus (Kollektivismus) überwunden hat, mit dem Mauerbau aber in die verbotene Frucht biss und damit den Sündenfall beging. Doch ich betone nochmals, dass die Hoffnung auf ein glückliches Ende in diesem Märchenroman nicht enttäuscht wird.

In diesem Sinne wiederhole ich meinen eingangs formulierten Aphorismus, auf dass die Botschaft möglichst viele Ohrenpaare erreicht: Das Saatgemisch aus Vertrauen, Maß und Ziel treibt die üppigsten von allen Blüten.

P.S. Wer noch nicht genug hat von meinen botanischen Phraseologismen, darf mich mit dem nächsten Klick gern in den Botanischen Garten Berlin begleiten! Darf es im Anschluss vielleicht am Jagdschloss Grunewald ein märchenhafter Spaziergang mit der Kräuterfrau Alfruna sein?

P.P.S. Leider fehlt auf meinem Märchenblog die Funktion, sein Gefallen über einen Blogartikel durch einen erhobenen grünen Daumen zu demonstrieren. Stattdessen gibt es den Stern und eine interaktive Spalte für eure sehr gern gesehenen Kommentare! Vorab vielen Dank für die Blumen 😉

P.P.P.S. Das Buch habe ich nicht selbst gekauft. Bei einer Leserunde auf LovelyBooks verlor ich zu meinem großen Ärger die Auslosung zum Buch, doch weil ich im Bewerbungstext meinen Märchenblog erwähnt hatte, stellte die Autorin mir ein kostenloses Exemplar zur Verfügung. Dafür möchte ich mich nochmals ganz herzlich bedanken! Solche Texte versüßen einem spürbar die herannahende Adventszeits!

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