Märchen aus Ost- und Westpreußen

PRIVATES FOTO: Ostdeutscher Märchen- und Sagenborn. Märchen aus Sudetenland, Schlesien, Ost- und Westpreußen. Für große und kleine Kinder erzählt von Robert Lindenbaum, Alfons Hayduk, Jochen Schmauch. München: Verlag Volk und Heimat (1953). 284 Seiten.

Wenn wir heutzutage über „Ostdeutschland“ sprechen, denken wir in aller Regel an die neuen Bundesländer. Für manche Zeitgenossen bleibt diese Region jedoch „Mitteldeutschland“ – daran erinnert die Bezeichnung „Mitteldeutscher Rundfunk“ (mdr) der Landesrundfunkanstalt für das Land Sachsen-Anhalt sowie für die Freistaaten Sachsen und Thüringen.

Dabei galt als „Ostdeutschland“ noch bis vor gar nicht langer Zeit der Zipfel jenseits von Oder, Neiße und Weichsel. An diese historische Landschaft sei gedacht, wenn wir den „Ostdeutschen Märchen- und Sagenborn“ (1953) zur Hand nehmen. Das Büchlein versammelt Volkserzählungen aus dem Sudetenland (heute die tschechische Grenzregion zu Deutschland und Österreich), Schlesien (heute Südwest-Polen mit der größten Stadt Breßlau/Wrocław) sowie Ost- und Westpreußen. Die Hauptstadt Ostpreußens war Königsberg bzw. Kaliningrad im heutigen Russland und die Hauptstadt Westpreußens war Danzig bzw. Gdańsk im heutigen Polen.

Aus diesem ostdeutschen Märchen- und Sagenborn, aber auch aus Heinz Röllekes „großem deutschen Sagenbuch“ (2001) lasen Gisela Chudowski und Reinhard Hanke bei der Veranstaltung „Märchen aus Ost- und Westpreußen“ während der 30. Berliner Märchentage. Im Theater coupé des Bezirks Berlin-Wilmersdorf erklärten die Organisatoren vom Westpreußischen Bildungswerk Berlin-Brandenburg in der Landsmannschaft Westpreußen e.V. nicht ohne Selbstironie, die letzten drei Jahrzehnte der Berliner Märchentage verschlafen zu haben. Umso symbolischer war das Debüt zum diesjährigen Festivalmotto „Märchen überwinden Grenzen“.

Nach einer kurzen Begrüßung und populärwissenschaftlichen Einführung in die Welt der Märchen, Sagen und Fabeln entführten Gisela Chudowski und Reinhard Hanke das Publikum abwechselnd an verschiedene Orte im ehemaligen Ost- und Westpreußen. In Tilsit begegneten wir einer Nixe, die ohne ihren Schleier nicht ins Wasserkönigreich heimkehren konnte und darum lange Zeit mit einem jungen Bauern zusammenlebte (Die Frau aus dem See). Im Wald namens Tucheler Heide ärgerten wir uns gemeinsam mit einem gealterten Bauern, den der winkende Geldsegen wegen eines Nickerchens bereits nach kurzer Zeit wieder verließ (Die rote Blume der Johannisnacht). Und in Oliva (Betonung auf der zweiten Silbe!) straften den Hungernden Lügen, da er die milde Gabe frommer Klosterbrüder nicht mit anderen Notleidenden teilte (Der Brotstein aus Oliva).

Da diese und weitere Märchen und Sagen an für den Durchschnittsbürger meist unbekannten oder „polonisierten“ Orten spielen, hätte ich mir als Besucher eine große Landkarte vor Augen gewünscht, die Herrn Hankes unterhaltsame Geschichtsexkursen unterstrichen.  Andererseits deutet meine Wissenslücke darauf hin, dass es grundsätzlich angebracht wäre, sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte endlich intensiver auseinanderzusetzen. Einen Besuch einiger Orte notierte ich mir auf meiner ellenlangen Aufgabenliste – ein wenig Polnisch und noch mehr Russisch beherrsche ich ja bereits 😉

Weiterführende Links:

Das Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa bietet umfassende Informationen zu den Pommerellen/Westpreußen und Ostpreußen (aufgerufen am 27. November 2019).

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