Märchenfotografie

Sibirische Birken im kniehohen Schnee bei 20 Grad minus. Privates Foto, November 2014, Tomsk (RUS).

Wir leben in einer Zeit, in der täglich mehrere Millionen Fotos im Internet hochgeladen werden. Ist es da nicht erstaunlich, dass die ständig neu aufgelegten Märchenbücher nach wie vor mit professionellen Zeichnungen anstatt mit Fotos bebildert werden?

Die „Märchenfotografie“ ist bislang ein absolutes Nischenthema.

Gemeint ist damit keineswegs märchenhaft anmutende Fotografie im weitesten Sinne, mit mystischen Landschaftsaufnahmen und Porträts von Damen, die an Feen erinnern oder aufgrund der Kostümierung allerlei Fabelwesen darstellen – von beidem gibt es in den Sozialen Medien zahlreiche Beispiele.

„Märchenfotografie“ im engeren Sinne meint die fotografische Inszenierung von Märchen.

Ein bekannter Märchenfotograf ist etwa der Münchner Andy Schulz. In einem Interview erklärt Schulz sein Vorgehen: „Ich habe mir einen Satz aus einem Märchen unterstrichen. Einen sehr auffälligen. Natürlich nicht so etwas wie „XY schlug auf einen Riesen ein, bis er im Blut lag und tot war“. Wie sollte man das umsetzen? Ich habe mir schöne, prägnante Sätze ausgesucht. (…)

‚Übermorgen hole ich der Königin ihr Kind.‘ Bei mir ist das Rumpelstilzchen dann ein zorniger Rocker, der eine Frau auf dem Motorrad mitnimmt. Welches Märchen hinter welchem Bild steckt, das erschließt sich aber bei mir nicht immer gleich von selbst. Da können die Betrachter ein bisschen raten.“

Andy Schulz Interpretationen bekannter Märchenstoffe spielen in unserer gegenwärtigen Welt, sodass die Entschlüsselung des jeweiligen Porträtfotos ein solides Wissen gängiger Märchenmotive voraussetzt. Eine Galerie mit Auflösungen gibt es hier oder direkt auf Schulz‘ Projektseite.

Ein weiterer Märchenfotograf ist der Moskauer Andrey Ivanov. Anders als Andy Schulz jedoch arbeitet Ivanov ohne Statisten: es sind mehr oder weniger moderne Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs in einer Dorf- und Stadtlandschaft, die einen szenischen Ausschnitt bekannter russischer Volksmärchen erzählen. Sein Fotoprojekt entstand zwischen 2014 und 2017 – daraufhin gewann es als Fotobuch den Hauptpreis beim Moskauer Photobookfest Dummy Contest 2018.

Da die wenigsten Fotografien eigene Titel oder Untertitel haben, können nur Kenner russischer Folklore die dargestellte Märchenszene korrekt zuordnen. Auf seiner Projektseite schreibt Andrey Ivanov zur Entstehung seiner Märchenfotografie:

„Als ich Vater wurde, hatte ich die Idee ein Fotobuch für Kinder zu machen. Ich habe dann angefangen, Motive aus russischen Märchen zu fotografieren. Zunächst eine Serie von inszenierten Bildern, aber dann merkte ich, dass auch einige andere Sujets und Dokumentarfotos gut in diese Märchenreihe passen.“ (Übersetzung von dekoder.org)

Das dritte und letzte Beispiel herausragender Märchenfotografen ist Laura Zalenga aus Süddeutschland. Ihre Fotografie spielt nicht oder zumindest nicht erkennbar in unserer modernen Welt. Das Markenzeichen von ihres Projekts „Grimm Compact“ ist der Minimalismus, denn Zalenga reduziert eine vollständige Märchenhandlung auf ihr Kernelement. Dazu erklärt sie in einem Interview, dass sie sich mit dem Minimalismus ihres Projekt von denjenigen Märchenfotografien (im weitesten Sinne) abheben wollte, die man bereits zu Tausenden überall gesehen hat.

Damit zurück zur Eingangsfrage:

Was halten die geneigten Leser vom Vorschlag, Märchenbücher künftig mit Fotografien anstatt mit Zeichnungen zu bebildern? Ich freue mich auf eure Kommentare!

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