Peter Raffalts "Der gestiefelte Kater"

Frontansicht des Buchumschlags. Private Aufnahme.

Wie der Verstand gepaart mit List selbst übermenschliche Kräfte schachmatt setzt, schildern die Erzählungen von David und Goliath, vom tapferen Schneiderlein, aber auch vom gestiefelten Kater. Die anhaltende Faszination des beschuhten Stubentigers lässt sich in der überlangen Epoche lächerlich kostümierter Haustiere keineswegs bloß mit der Kleidung begründen.

Woher beispielsweise wusste der Kater den rechten Weg, um bei Hofe zugelassen zu werden? Wie konnte ein verarmter Müllersohn als Graf durchgehen und das Herz der Prinzessin erobern? Und wie konnte ein winziger Kater ganze Bauernscharen zum Lügen verleiten?

Dieser und weiteren Fragen rund um den gestiefelten Kater nahm sich der Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller Peter Raffalt in seinem 2017 erschienenen Märchenroman an – geschmackvoll illustriert von der Malerin, Kostüm- und Bühnenbildnerin Sibylle Gädeke.

Der Vorzug von Gädekes abstrakten Illustrationen (Schablonendruck mit Acrylfarbe auf Papier) liegt auf der Hand. Denn sie fangen die Quintessenz der Handlung schemenhaft ein, anstatt den Betrachter mit aufwendig kolorierten Seiten der eigenen farbenfrohen Fantasie zu berauben, die sich im Spannungsbogen der Erzählung unweigerlich entfaltet.

Märchenliebhaber erkennen sofort, dass diese Interpretation des gestiefelten Katers auch Motive aus anderen Märchen enthält, darunter Schneewittchen sowie Jorinde und Joringel. Gleichzeitig zeigt sich im Laufe der Geschichte ein immer detaillierteres Psychogramm des Katers, dessen behütete Kätzchenzeit an Johann Wolfgang von Goethes Charakterisierung der eigenen Eltern erinnert:

Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
(Quelle: Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Zahme Xenien 6.)

Nicht nur das eigentliche Abenteuer, sondern auch allerlei menschliche Eigenheiten werden mit den Augen des gestiefelten Katers durchgegangen – letzteres sogar mit unverhohlener Arroganz. Neben drolligen Kommentaren zu menschlichen Gesten, Reaktionen und körperlichen Unzulänglichkeiten (insbesondere dem unsicheren Gang auf nur zwei Beinen) erfolgen philosophische Überlegungen zur Albernheit der Liebe und zur Ethik des Lügens.

Zuweilen übt sich der Kater in bissiger Gesellschaftskritik: Warum ist der Mensch nur mit Geld glücklich? Warum lässt sich der Mensch so leicht von schöner Kleidung blenden? Warum horcht der Mensch am liebsten auf die Sprache der Verlogenheit? Doch alle Eitelkeit gipfelt in der Königsdisziplin:

„Das nennen die Menschen Politik. Sie geben vor, im Auftrag des Volkes zu handeln, ohne dabei Verantwortung zu übernehmen und wenn etwas nicht so funktioniert, wie sie es sich wünschen, werden Schuldige gesucht. Wie simpel. Aber wie erbärmlich. (…) Wie sind wir Tiere doch den Menschen überlegen! Jedes Tier übernimmt zu jeder Zeit für das, was es tut, die volle Verantwortung. Das großkotzige Gehabe der Menschen stinkt doch zum Himmel.“ (Zitat, S.73-74)

Als ich die Buchbeschreibung erstmals las, erwartete ich einen kurzweiligen Märchenroman für Kinder ab zehn Jahren. Nach der Lektüre würde ich den „gestiefelten Kater“ als Familienroman einschätzen, der märchenkundigen Schulkindern ebenso viel Freude bereitet wie Erwachsenen.

Wie wäre es, bei der nächsten dreistündigen Zugfahrt im Familienabteil zu reservieren und anstatt isolierender und zugleich stromfressender Geräte lieber reihum bis zur letzten Seite aus diesem Märchenroman vorzulesen? Da vergeht die Zeit buchstäblich wie im Flug…

Dabei muss „Der gestiefelte Kater“ nicht erst bis zu den nächsten Ferien im Regal zustauben. Wenn von 22 Kapiteln sechs Tage lang täglich drei und am siebten Tag die letzten vier Kapitel vorgelesen werden, kann sich an diesem Märchenroman eine ganze Familie eine Woche lang erfreuen!

Peter Raffalt & Sibylle Gädeke: Der gestiefelte Kater. Preis: 10 € (zzgl. Versand). 150 Seiten, 12 x 17 cm, Klebebroschur, mit Schwarzweiß-Illustrationen. Erschienen im Verlag Monika Fuchs.

 P.S.: Ich danke Frau Monika Fuchs und ihrem Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar!

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