Stephanie zu Guttenbergs „Märchen-Apotheke“

Die „Märchen-Apotheke“ las ich auf meinem tolino, einem Weihnachtsgeschenk meiner Großmutter. Private Aufnahme.

Mit dem Buch „Kinder brauchen Märchen“ (1976) holte der US-amerikanische Kinderpsychologe Bruno Bettelheim Grimms Märchen vom Pranger der „schwarzen Pädagogik“. Nach Bettelheim unterzog auch der deutsche Therapeut Eugen Drewermann Grimms Märchen einer tiefenpsychologischen Deutung. Drewermanns Bücher „Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter“ sowie „Lieb Schwesterlein, laß mich herein“ erschienen erstmals 1992 und wurden wie Bettelheims „Türöffner“ mehrfach neu aufgelegt.

Mit der theoretischen Untermauerung des pädagogischen Nutzens von Grimms Märchen lag der Versuch einer praktischen Handreichung nahe. Einen solchen Versuch unternahm im Jahr 2011 Stephanie zu Guttenberg mit einer „Märchen-Apotheke“. Eine famose Idee, doch der im Untertitel vorgestellte Anspruch „Grimms Märchen als Heilmittel für Kinderseelen“ einsatzfähig zu machen, konnte in der vorliegenden Umsetzung leider nicht eingelöst werden. Doch dazu gleich mehr…

Stephanie zu Guttenberg, Gattin des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, war um das Jahr 2010 noch eine beliebte Person des öffentlichen Lebens in Deutschland. Zwischen 2004 und 2013 engagierte sie sich aktiv gegen Kindesmissbrauch und galt als eine der prominentesten Verfechterinnen von Sperrungen nicht jugendfreier (!) Internetinhalten in Deutschland.

Das Kindeswohl steht auch in ihrer persönlich zusammengestellten „Märchen-Apotheke“ im Mittelpunkt, sodass sich etliche Texte weniger an die Kinder selbst richten, sondern deren mal zu strenge oder aber überlastete und damit unaufmerksam gewordene Eltern subtil ansprechen. Der Elefant im Raum ist die Frage, ob es nicht doch an der Erziehung liegt, wenn Kindern zu viel chatten, kein Selbstbewusstsein haben oder aber ihre Lebenssituation nicht wertschätzen. Doch ob dies ein zielführender Ansatz ist?

Das verneinte im Jahr 2012 Sabine Lutkat, seinerzeit Visepräsidentin der Europäischen Märchengesellschaft e.V. Ihr gnadenloser Verriss titelte: „‘Die Märchen-Apotheke‘ gehört in den Giftschrank“. Tatsächlich sind mehrere Kritikpunkte nicht von der Hand zu weisen:

1. Wecken Titel und Einleitung noch große Erwartungen auf das (präventive) Heilen von Kinderseelen, so stellen gleich mehrere Kapitelüberschriften das Kind als das eigentliche Problem dar und brechen mit meinen Erwartungen.

Einige der gelisteten „Verhaltensauffälligkeiten“ sind: Unser Kind ist (…) ein Angsthase; Unser Kind ist egoistisch (…); Unser Kind hält den Leistungsdruck von Schuld- und Freizeitaktivitäten kaum aus.

Erst im Laufe der Lektüre offenbarte sich mir das verborgene Ziel der „Märchen-Apotheke“, nämlich das innerfamiliäre Gespräch auf die wahren, hinter den „Verhaltensauffälligkeiten“ liegenden Probleme zu lenken. Warum fühlt sich unser Kind einsam und verlassen? Warum leidet unser Kind an Essstörungen? Warum will unser Kind plötzlich nicht mehr zum Klavierunterricht?

Doch leider greift dieser Erklärungsansatz nicht bei jeder „Behandlung“ von „Verhaltensauffälligkeit“. Etwa bei schlechter Haustierpflege oder Eitelkeit erfolgen eher moralische Appelle in Richtung der Kinder. Damit geht es zum nächsten Kritikpunkt, nämlich dem inhaltlichen Aufbau:

2. Passend zu einer Kapitelüberschrift wird jeweils eine (unrealistische) Alltagssituation skizziert, in der es von einem konkreten Problem auf wundersame Weise geradlinig zur Lösung kommt; im eigenen Alltag soll ein mehr oder weniger passendes Märchen vorgelesen und die „Verhaltensauffälligkeit“ entsprechend der Empfehlungen im „Beipackzettel“ behandelt werden.

Freilich kann – wie auch im wahren Leben – nicht jedes Märchen auf die geschilderte Alltagssituation passen. Unkonventionell, aber grundsätzlich umsetzbar finde ich den Vorschlag zur umgedrehten Psychologie, also beispielsweise „Angsthasen“ mithilfe des  „Märchens von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ zu kurieren, während Streber das Märchen „Der faule Hans“ vorgelesen bekommen. Indem bestimmte Eigenschaften ins Gegenteil verkehrt werden, lässt es sich auf diese Weise womöglich leichter ins Gespräch kommen.

Anstatt der vielen individualisierten „Beipackzettel“ hätte es gereicht, im Vorwort einen universellen Gebrauchshinweis zu geben. Dass nämlich jedes Märchen als Türöffner für ein Gespräch dienen kann, um heikle Themen oder Verdachtsmomente spielerisch und auf Augenhöhe anzusprechen. Doch warum war es immer nur ein einzelner Märchentext?

Es erscheint mir sinnvoll, mithilfe mehrerer thematisch verwandter Märchen behutsam an das elterliche Anliegen heranzuführen. Nicht nur, weil sich manche „Verhaltensauffälligkeiten“ als pubertärer Normalzustand entpuppen könnten. Ferner möchte der zuvor als unaufmerksam wahrgenommene Elternteil doch nicht aufdringlich wirken! Schließlich ist Vertrauen eine zarte Pflanze, die oft erst mit viel Geduld aufgezogen (oder gerettet) werden muss, es also mehr schaden als nutzen könnte, wenn man direkt mit der Tür ins Haus fällt. Apropos..

3. An der mir vorliegenden eBook-Version störten mich diverse Formatierungsfehler, sodass ich etwa keine Kapitelüberschriften, sondern nur die Märchentitel angezeigt bekam. Wie dem auch sei!

Wie gesagt, fand ich die Idee einer „Märchen-Apotheke“ und „Grimms Märchen als Heilmittel für Kinderseelen“ grundsätzlich famos, doch haperte es an der Umsetzung. Zwar sind Märchen zeitlos, doch mit dem konkreten Alltagsbezug drohen die Märchen, von (nachvollziehbarerweise) vielbeschäftigten Eltern nicht gründlich vorbereitet zu werden oder einfach falsche Erwartungen bei den Eltern zu wecken.

Wenn mein Kind zu viel im Internet chattet, reicht es nicht „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ vorzulesen. Oder wenn es zu leichtsinnig im Umgang mit Fremden ist, reicht es nicht „Rotkäppchen“ vorzulesen. Von den negativen Eigenschaften, die dem Wolf angehängt werden, ganz zu schweigen.

Aus meiner Sicht bräuchte es im Falle einer Neuauflage der „Märchen-Apotheke“ drei Dinge:

1. Anstatt zu konkreten Alltagssituationen sollten die Märchen lieber extremen Gefühlslagen entsprechen.  

Dazu gehören Trauer, Angst und Übermut (um der allgemeinen Erheiterung willen auch in Verbindung mit Faulheit!). Sollte das kindliche Seelenheil doch wieder auf besondere Weise mit Erziehungsansprüchen verwoben werden, ließe sich ja die christliche Prägung von Grimms Märchen in den Vordergrund rücken und eine Textzusammenstellung entsprechend den Sieben Todsünden vornehmen.

Spaß beiseite! Ein gelungenes Beispiel für eine thematisch sortierte Märchenausgabe ist Felicitas Hoppes „Grimms Märchen für Heldinnen von heute und morgen“, die ich zuletzt in meinem Märchenblog vorstellte.

2. Anstatt nur einem Märchen pro Thema bräuchte es mehrerer Märchen pro Themenkomplex.

Gerade weil sich jeder Mensch von einem anderen Märchen besonders berührt fühlt, braucht es viel Fingerspitzengefühl um herauszufinden, wann der geeignete Augenblick für ein klärendes, vertrauensvolles Gespräch ist. Es ist wie mit jedem normalen Schlüsselbund: Oft probiert man mehrere Schlüssel aus, bis das vermaledeite Schloss mit dem richtigen Türöffner endlich aufspringt!

3. Anstatt nur aus dem zweifelsohne reichen Fundus Grimm’scher Märchen zu schöpfen, bräuchte es in einem Einwanderungsland wie Deutschland einer interkulturellen Märchen-Apotheke.

Das hat nichts mit „kultureller Aneignung“ zu tun, also dass eine dominante Mehrheitskultur Elemente einer Minderheitenkultur schluckt, ohne die geistes- und kulturgeschichtlichen Hintergründe zu verstehen. In dem Fall dürfte ja auch keine Literatur von Migranten oder ihren Nachkommen verlegt werden, weil man zu wenig von deren Herkunfts- und Ankommens-Geschichte weiß. Da finde ich es weitaus übergriffiger, wie in zu Guttenbergs „Märchen-Apotheke“ mit dem deutschen Märchen „Rapunzel“ gegen Kopftücher bei Schulmädchen aus türkischen Familien vorgehen zu wollen.

In meiner Vision weckte eine „interkulturelle Märchen-Apotheke“ bei Kindern und Jugendlichen, die fern von politischen Debatten und wissenschaftlichen Diskursen leben, das grundsätzliche Interesse an ihren Mitmenschen aus anderen Kulturen und deren Literaturklassikern sowie Traditionen. Wer weiß, vielleicht steht der „Türöffner“ ja gar nicht bei den Grimms, sondern bei den Kunstmärchen Alexander Puschkins oder in einer Sammlung südamerikanischer Folklore?

Stephanie zu Guttenberg (Hg.): Die Märchen-Apotheke. Grimms Märchen als Heilmittel für Kinderseelen. Ausgewählt und kommentiert von Silke Fischer und Bernd Philipp. München: Kösel-Verlag in der Verlagsgruppe Random House 2011.

P.S.: Ich danke der Verlagsgruppe Random House vielmals für das bereitgestellte Rezensionsexemplar. Leider wurden meine persönlichen Erwartungen an die „Märchen-Apotheke“ nicht erfüllt, doch wenn schon nicht mit einer Buchempfehlung, so konnte ich mich vielleicht mit sachlicher Kritik und konstruktiven Anregungen für die Zukunft angemessen entschädigen!

4 Kommentare zu „Stephanie zu Guttenbergs „Märchen-Apotheke“

  1. Den interkultureller Punkt find ich auch sehr wichtig. Ansonsten kann ich dir nur zustimmen. Guter Beitrag. Man kann durchaus konkrete Bezüge herstellen, aber dann klar als Beispiel für allgemeinere Zusammenhänge definieren. Die narrativen Strukturen die die Märchentexte vorschlagen legen das ja irgendwie Nähe.😀LG. Schrat

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