Dorothee Kremers „Der Marmeladenkönig und andere fruchtige Märchen“

Märchen, die Appetit machen! Frontansicht des Bucheinbands, private Aufnahme.

„Die drei Männlein im Walde“ ist ein weniger bekanntes Märchen der Brüder Grimm und beginnt damit, dass eine Frau ihre verhasste Stieftochter mitten im Winter nur mit einem Papierkleid bekleidet in den Wald schickt, um ein Körbchen Erdbeeren zu pflücken.

In Zeiten der Globalisierung werden kaum einem Zuhörer die Ohren schlackern, schließlich gibt es ALLES das ganze Jahr über im Supermarkt zu kaufen. Und sieht man in der Werbung nicht lilafarbene Kühe, die Kakao geben?

Der erste Schritt in Richtung eines nachhaltigen Lebens sowie zur Agrar-Aufklärung der Kinder ist der Besuch des nahegelegenen Wochenmarkts. Gerade in der spätsommerlichen Erntezeit dürften einem die Augen übergehen beim Anblick praller Äpfel und Birnen, süßer Kirchen und Erdbeeren, saftiger Pflaumen und Zwetschen sowie knackiger Nüsse…

Um der Erntezeit noch einen zusätzlichen Zauber zu verleihen, eignet sich hervorragend Dorothee Kremers Märchensammlung „Der Marmeladenkönig und andere fruchtige Märchen“. Als Inspirationsquelle für die 12 originellen und europäisch verwurzelten Kunstmärchen nennt die Autorin ihre langjährige Freundschaft zu einer Marmeladenverkäuferin.

Apropos, von der Erfindung der Marmelade handelt sogleich das erste Märchen und setzt der inspirierenden Freundschaft ein würdiges Denkmal! Die übrigen Märchen könnten vielfältiger nicht sein: Es geht um die Suche nach der wahren Liebe mithilfe eines Obsträtsels, den Ausgleich körperlicher Defizite beim Früchtesammeln und um die Rettung eines magischen Zwetschgenmusrezepts.

Weiter hören wir vom fruchtigen Wettkampf um den Bürgermeistertitel in einem zerstrittenen Dorf, von baumstarker Geschwisterliebe und Familienzusammenhalt, von der Kommunikation mit Bäumen und Kriechtieren, schließlich von der Rettung eines wegen einem verschmähten Apfelkorb verwunschenen Königreichs.

Die Märchen sind zum lauten Vorlesen auch für demografisch durchmischtes Publikum gedacht, denn der Satzbau mit seinen kurzen Ausrufen oder aber Betonungen und Wortwiederholungen zur Entzerrung längerer Schachtelsätze, ja, dieser Satzbau ist spürbar an die gesprochene Sprache angelehnt.

Selbst wenn ich mal ein Märchen leise für mich las, hörte ich die Erzählerstimme mit den effektvollen Pausen und einer einlullenden Satzmelodie – einlullend im wahrsten Sinne, denn mein Versuchskaninchen schlief mit einem seligen Lächeln ein und erwachte tags darauf stets mit Appetit auf Obst.

Auch wenn Märchen nur zu gefallen und nicht zu erziehen haben, eignet sich dieses unterhaltsame und von Elisa Buberl geschmackvoll (haha, Wortspiel) illustrierte Märchenbuch hervorragend als Anregung zu einer gesünderen Ernährung oder um Neugier auf die Vielfalt regionaler Erzeugnisse zu wecken.

Dorothee Kremer: Der Marmeladenkönig und andere fruchtige Märchen. Mit Bildern von Elisa Buberl. Verlag Monika Fuchs 2016.

Ich danke dem Verlag Monika Fuchs herzlich für das hochwertig gebundene Rezensionsexemplar!

P.S.: Wer sich „nachhaltig“ (gemeint ist saisonal, regional und nicht mehr Umweltverschmutzung als nötig verursachend) ernähren möchte, findet hier übersichtliche Saisonkalender für Gemüse, Obst und Nüsse, Salat und Kräuter.

P.P.S.: Dass nicht nur Obst, sondern die Ernährung allgemein eine besondere Rolle in Märchen spielt, lässt sich an den Befunden einer Märchenfachtagung aus dem Jahr 2016 ablesen: „Bratenwunder, süßer Brei – oder Menschenfresserei? Essen und Trinken im Märchen“ lautete das Thema der alljährlichen Märchentage der Märchenstiftung Walter Kahn. Hier geht es zum Tagungsbericht.

P.P.P.S.: Und wer nun wissen möchte, in welchen Märchen die Nahrungsaufnahme sonst noch vorkommt, dem empfehle ich Hans-Jörg Uthers im Jahr 2000 erschienene Sammlung: „Die schönsten Märchen vom Essen und Trinken“.

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