Susanne Stöcklin-Meiers „Von der Weisheit der Märchen“

Zeit für Ruhe und Gemütlichkeit: Frontansicht von Stöcklin-Meiers märchenhaftem Erziehungsratgeber. Private Aufnahme.

Im bunten Strauß der Erziehungsratgeber sind jene, die mit Märchen arbeiten, wahre Exoten. Zwei solcher praktischen Märchenratgeber habe ich hier bereits unter die Lupe genommen, nämlich Stephanie zu Guttenbergs „Märchen-Apotheke“ und Angeline Bauers „Heilende Märchen“. Beide Werke stellen Märchen als denkbare Hilfsmittel vor, um bei Konfliktsituationen in der kindlichen Entwicklung zu intervenieren. Doch ob von Märchen viel mehr erwartet werden kann als ein Gespräch auf Augenhöhe mit dem Kind? Schließlich lösen sich Probleme nicht durch bloßes Märchenhören in Luft auf. Allerdings ließen sie sich auch zur Konfliktprävention vorlesen oder noch besser, erzählen – quasi eine Märchenprophylaxe.

Das Erziehungsziel ist klar, nämlich ein selbständiger und selbstbewusster Mensch. Daher sollte die Frage nicht länger lauten, wovor Märchen unsere Kinder im Leben schützen sollen. Stattdessen sollten wir Märchen danach befragen, was uns Menschen menschlich und was das Leben lebenswert macht. Einen solchen ins Positive gewendeten Ansatz verfolgt die Pädagogin Susanne Stöcklin-Meier mit ihrem Ratgeber: „Von der Weisheit der Märchen. Kinder entdecken Werte mit Märchen und Geschichten.“

Ein Vorurteil könnte lauten, dass die Werteerziehung abhängig vom kulturellen Hintergrund und dem individuellen Elternhaus stets verschieden ausfällt. Um das Gegenteil, also die Existenz universaler Werte im Sinne von Richtwerten, zu beweisen, versammelt Stöcklin-Meier diverse Volks- und Kunstmärchen aus aller Welt, dazu ausgesuchte Fabeln, biblische Erzählungen, Schüler- und Alltagsgeschichten sowie Kinderaussagen, Sprichwörter und Redewendungen. Den kleinsten gemeinsamen Nenner aller 50 Erzählungen bilden die 5 Grundsätze: Wahrheit, Rechtes Handeln, Frieden und Miteinander, Liebe, Gewaltlosigkeit.

Unter den jeweiligen Grundsätzen harmonieren die allermeisten Erzählungen gut miteinander. So könnten sich Eltern und Kinder über einen längeren Zeitraum hinweg intensiv mit immer einem bestimmten Wert beschäftigen. Zudem lassen die einleitenden Märchenzusammenfassungen den Eltern die Möglichkeit, selbst bei engsten Zeitplänen noch den Überblick zu bewahren und die Geschichten in Abhängigkeit von den wechselnden Erziehungsanforderungen auszuwählen.

So weit so gut, doch es gibt auch Ausnahmen von der Harmonielehre. So war die Schülergeschichte von den frisch geschlüpften Schnabeltierjungen zweifellos entzückend geschrieben, doch blieb mir deren Bezug zum übergeordneten Grundsatz „Wahrheit und Lüge“ leider unklar. Auch das chinesische Märchen vom Mondhasen, der dem unentschlossenen Bauern schließlich keinen seiner Wünsche erfüllte, passt nicht so recht unter den Grundsatz „Frieden und Miteinander“.

Richtig makaber wurde es im Kapitel „Richtiges Handeln“ mit dem chinesischen Märchen vom Zauberfass. Obwohl Gewalt und gerechte Strafe ihre Existenzberechtigung im Märchen haben, vermittelt die Geschichte vom Zauberfass die Folgen von Maß- und Rücksichtslosigkeit auf eine derart verstörende Weise, dass es sogar Grimms anrührendes Märchen vom alten Großvater und dem Enkel in den Schatten stellt.

Denn das Zauberfass vervielfältigt alles, was in es hinein fällt. Erst waren es lauter Bürsten, die der Finder des Fasses verkaufte und sich aus der Armut befreite. Dann waren es lauter Geldstücke, die die Familie vom schwachen und zittrigen Großvater aus dem Fass schaufeln ließ. Nur gönnte die Familie dem alten Mann keine Ruhe, sodass er tot ins Fass stürzte und aus dem Fass lauter tote Großväter hervorquollen. Das ganze Geld, dass die Familie hatte, ging nun auf die Beerdigungen der Großväter drauf und als das Fass dann zerbrach, war die Familie so arm wie zuvor.

Was bei diesem konkreten Märchen eher nicht helfen wird, aber grundsätzlich zum Mehrwert dieses märchenhaften Erziehungsratgebers beiträgt, sind die Gesprächs- und Spielanregungen am Ende jeder Geschichte. Anders als in unserer schnelllebigen Zeit üblich, sollen Kinder die Erzählungen nicht bloß hintereinander weg konsumieren. Um das Gehörte verdauen zu können, müssen Eltern die Geschichten nicht nur wiederholt vortragen, sondern den Kindern auch ermöglichen, sie in die Figuren hineinzudenken, deren Handeln zu hinterfragen und gelegentlich über ein alternatives Märchenende zu diskutieren.

Im Einleitungsteil des Buchs schlägt die Autorin Susanne Stöcklin-Meier vor, eine Erzählecke einzurichten. Dazu gehören schummriges Licht, kuschelige Sitzgelegenheiten und alles, was sonst noch Gemütlichkeit, Behaglichkeit und Geborgenheit ausstrahlt. Oh ja, in so einem geschützten Raum lässt sich wohl angeregt über die Weisheit der Märchen philosophieren…

Susanne Stöcklin-Meier: Von der Weisheit der Märchen. Kinder entdecken Werte mit Märchen und Geschichten. Mit Bildern von Anita Kreituse. 4.Auflage. Erschienen 2008 im Kösel-Verlag, München, in der Verlangsgruppe Random House GmbH.

P.S.: Ich danke Random House herzlich für das kostenlos bereitgestellte Rezensionsexemplar!

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