Isabel Schmiedels und Jan Bühlbeckers „Märchen nach Corona“

Das Jahr 2020 in zwei Gegenständen: Klopapierrolle und Mundschutzmaske. Dies ist die Frontansicht des Comicbüchleins samt einer Postkarte, die mir die beiden Autoren zuschickten. Private Aufnahme.

Rückblickend sprechen einige Menschen von Entschleunigung und einem Ausbruch aus dem Hamsterrad. Manch einer überdenkt nun seinen bisherigen Lebensstil, doch die Mehrheit bangt schlicht und ergreifend um ihre Existenz. Die Coronakrise brachte das öffentliche Leben zum Erliegen und gefangen in den eigenen vier Wänden stand auch die Zeit plötzlich still. Was tun?

Die Langeweile hat allerlei Kuriositäten hervorgebracht, doch kreative Köpfe wie Isabel Schmied und Jan Bühlbecker nutzten diese Phase, um einen Blick auf unsere geliebten Märchenfiguren zu werfen. Für gewöhnlich preschen Märchenhandlungen nur so vorwärts und wie im wahren Leben wird nur durch Begegnungen ein glückliches Ende herbeigeführt.

Was passiert aber, wenn auch im Märchen plötzlich Kontaktverbot herrscht?

Beispielsweise schafft es der Wolf nicht, sich Zutritt ins Haus von Rotkäppchens Großmutter zu verschaffen und die böse Hexe kann weder Hänsel noch Gretel an den Kragen. Schwein gehabt, möchte man rufen, doch so bleibt Rapunzel leider im Turm gefangen und auch Aschenputtel muss nun ausharren, bis sie dem Prinzen den Kopf verdrehen kann…  Nur mit dem Rumpelstilzchen möchte man Mitleid haben. Erst spann es für die Müllerstochter alles Stroh in den königlichen Kammern zu Gold, sodass das arme Mädchen Königin wurde, doch nun bleibt der Lohn für die harte Arbeit aus: der Königin erstes Kind bleibt im Schoss der Familie!

Apropos Familie, die Adaption vom „Wolf und den sieben jungen Geißlein“ erscheint mir in ihrer Moral („Verdammt, Home Office rettet wirklich Leben!“) durchaus streitbar. Wenn man Erfahrungsberichten sowie gewissen Zeitschriftenartikeln und Petitionen glaubt, so hat häusliche Gewalt während der Quarantäne rapide zugenommen und macht eine alleinerziehende Mutter in dieser Zeit alles Mögliche, außer friedlich am Computer zu arbeiten.

Dabei hätte der Comic das Potential zur allumfassend-zynischen Gesellschaftskritik, die auch jenseits des Corona-Kontexts etliche Positionen zur Debatte rund um das Recht auf „Heimarbeit“ abdeckt. Etwa wenn man durch das Fenster den Wolf mit demselben (!) Spruch wütend davonstampfen sähe, während die Ziegenmutter ihre Sprösslinge abwechseln übers Knie legt und sich sichtlich zerstreut am geschäftlichen ZOOM-Meeting beteiligt.

Den Vorwurf der Gewaltverherrlichung lasse ich hier keinesfalls gelten, da schon einige Seiten später das Schneewittchen bewusstlos am Boden liegt. Unabhängig davon ist der Schneewittchen-Comic eine gelungene Parodie auf heimische Selbstdiagnosen („Sie hat bestimmt Corona!“), die bereits lange vor der Pandemie stets verheerende Ergebnisse zutage förderten. Offensichtlicher wäre der selbstironische Seitenhieb auf die ausufernde Ängstlichkeit nur durch einen zusätzlichen Ausruf wie: „Ich frag mal Google.“

Allerdings betonen die beiden Autoren Schmiedel und Bühlbecker im Nachwort, dass ihnen jeder Zynismus fern liegt. Nicht einmal die gängige Abschlussfloskel wollen sie gelten lassen: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Doch ist es wirklich nur eine Worthülse? Oder drückt diese Schlussformel, die von den meisten Erzählern und Vorlesern nur mündlich ergänzt wird, nicht doch die Zuversicht oder wenigstens die Hoffnung aus, dass alles gut wird? Märchen vermitteln Vertrauen und Sicherheit. Doch wo diese Gefühle erschüttert werden, kompensiert es der Mensch seit jeher mit Humor.

So ist die Märchenadaption von „Tischlein, deck dich“ auf den Punkt getroffen. Das Tischlein führt keine erlesenen Speisen mehr (oder waren es doch nur ungesunde Fertiggerichte!?), sondern die Reste der ohnehin geplünderten Supermarktregale. Auf dem Höhepunkt der Hamsterkäufe gab es tagelang kein frisches Obst zu kaufen und ich fragte mich, wie die Menschen wohl von schnell verderblichen Lebensmitteln überleben wollen. Unvergesslich bleiben die Memes zum Toilettenpapier-Debakel. Und der Klopapierrolle als neuer Ikone eines wahrhaft luxuriösen Lebens setzten die Autoren von „Märchen nach Corona“ auf dem Bucheinband ein würdiges Denkmal!

Ein weiteres „Denkmal“ ist der Froschkönig-Comic, nämlich für die inzwischen widerlegte Theorie, das Coronavirus stamme von einem unhygienischen Wildtiermarkt. Zwar behält die Forderung nach einem besseren Umgang mit Tieren ihre Berechtigung, doch ist sie für mein Empfinden schwach umgesetzt – zumal im Originalmärchen nicht vom Küssen die Rede ist, sondern davon, aus Dankbarkeit für das zurückgebrachte Spielzeug Kost und Logis zu teilen.

Eine Froschkönig-Adaption, die neben der Tierwohlgefährdung auch das Thema Umweltverschmutzung radikal aufgreift, wäre der Blick auf zwei Szenen: Einerseits auf die Prinzessin, die von ihrem Spielplatz am See träumt, und andererseits der Blick auf den Grund des Sees, der von Spielzeug bedeckt ist. In diesem Spielzeug hausen lauter Kaulquappen, verletzten sich und husten Plastikstückchen heraus. Dabei suchen sie emsig nach der goldenen Kugel, weil sie hoffen, den See verlassen und bei der Prinzessin wohnen zu dürfen. Den Einwand, eine solche Darstellung sei zu plakativ, lasse ich nicht gelten, da wenige Seiten später das tapfere Schneiderlein dafür gerügt wird, bei „Primel“ (dem großen A) einzukaufen und so Verpackungsmüll zu fördern.

Da wir nun beim Schneiderlein sind, lobe ich zuletzt die Märchenadaptionen mit wirtschaftlichem Hintergrund. So entschließen sich landauf landab freie Bühnenkünstler ähnlich den Bremer Stadtmusikanten zu „streamen“, um weiterhin im Gespräch zu bleiben, und bestellt das tapfere Schneiderlein eine Nähmaschine sowie Unmengen an Stoff, um massenhaft Mundschutzmasken herzustellen. Weil ich meine Ohren überall habe, kann ich nur bestätigen, dass in den letzten Wochen tatsächlich weitaus mehr Nähmaschinen über den virtuellen Ladentisch gingen als üblich und sogar Lieferengpässe bei Gummibändern entstanden. Sachen gibt’s!

Die Moral von der Geschicht‘

Die Coronamärchen, von denen ich hier nur die Hälfte kursorisch betrachtete, wollen in erster Linie unterhalten. Das ist ihnen gelungen, wobei manche Comics ruhig hätten mutiger sein können, zumal das Büchlein alles andere als ein Kinderbuch ist.  Seine Komik erschließt sich nur Jugendlichen und Erwachsenen, die neben der nötigen Textsicherheit auch über Wissen zum Tagesgeschehen verfügen und dieses korrekt einordnen können.

Nichtsdestotrotz werfen die Autoren im Vorwort die Frage auf, was Märchen eigentlich seit Generationen „kindgerecht“ macht. Dazu gehöre, dass beispielsweise Grimms Märchen mit jeder neuen Adaption von Grausamkeiten befreit würden. Die bildliche Darstellung von Gewalt mag Kinder verstören, doch ist und bleibt Gewalt ein Teil unserer Lebenswirklichkeit. Zumal der US-amerikanische Kinderpsychologe Bruno Bettelheim bereits 1979 in seinem Buch „The Uses of Enchantment“ (dt. Kinder brauchen Märchen) hinreichend belegte, warum Grausamkeiten in Märchen dazugehören:

Der Held durchläuft Prüfungen und Qualen, mit denen sich der kindliche Zuhörer symbolisch identifiziert, doch mit der abschließenden Bestrafung des Bösewichts ist die Gerechtigkeit aus Sicht des Kindes wiederhergestellt – so vermitteln Märchen die Zuversicht, dass das Gute sich trotz aller Widrigkeiten gegen das Böse behauptet und das Kind schläft mit einem Gefühl von Sicherheit ein.

Freilich haben Erwachsene, nicht zuletzt aufgrund ihrer Lebenserfahrung, eine andere Perspektive als Kinder. Doch ein Satz im Vorwort ließ mich aufhorchen: Grimms Märchen seien „bis heute weitestgehend kindgerecht – naja, wenn man von überholten Rollenklischees, gelegentlich ziemlich offensichtlichem Rassismus und fehlender Diversität unter den Charakteren einmal absieht.“

Zum einen sind die Märchenfiguren keine ausdifferenzierten Charaktere sondern Archetypen, die unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale, Ängste oder Emotionen wiederspiegeln. Beispielsweise projiziert der kindliche Zuhörer seine Wut über unliebsame Erziehungsmaßnahmen auf die „böse Stiefmutter“ oder fühlt sich gelegentlich, unabhängig vom Geschlecht, als „Aschenputtel“.

Falls die symbolische Interpretation nicht überzeugt, hilft nur der aufmerksame Blick ins Märchenbuch. Denn die weiblichen Figuren sind mitnichten bloß das schmückende Beiwerk von schwertschwingenden Prinzen. Immer wieder nehmen sie ihr Glück selbst in die Hand, das belegt die erst 2019 erschienene und von Felicitas Hoppe erstellte Sammlung originaler (!) Märchentexte: „Grimms Märchen für Heldinnen von heute und morgen“ (hier geht es zu meiner Rezension).

Zum anderen kenne ich Grimms Märchen recht gut und bin bislang über keinen „ziemlich offensichtlichen Rassismus“ gestolpert. Doch ich lasse mich in den Kommentaren gern eines Besseren belehren! Schließlich frage ich mich, welche Art von Diversität in Märchentexten fehlen soll, die weniger reale Handlungen wiedergeben als vielmehr die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen symbolisch verdichten.

Für diese Positionen aufschlussreich, jedoch nicht überzeugend fand ich beim Frauenmagazin „Edition F“ fand ich den Artikel „Schlechte Vorbilder: Warum wir neue Kinderbücher brauchen“.

Zum Schluss noch einige versöhnliche Worte:

Im Nachwort hegen die Autoren die Hoffnung, dass sie „vielleicht sogar die ein oder andere Sicherheitsvorkehrung oder Solidaritätsmaßnahme verständlicher machen konnten“. Aus meiner Sicht konnten und brauchten sie das gar nicht. Manche Comics erzählen heitere Geschichten und wieder andere beziehen explizit Stellung zu gesellschaftlichen Debatten – selbst die Verwendung des Gendersterchens in den Comics ist, wie aus dem Positionspapier des Vereins Deutsche Sprache hervorgeht, hochgradig kontrovers. In diesem Sinne können die „Märchen nach Corona“ vor allem Diskussionen über den Sinn und Unsinn zurückliegender Maßnahmen anregen. Und diese Debatte nimmt aktuell (Stand 13. Mai 2020) erst richtig Fahrt auf!

Seit der nur einwöchigen Entstehungszeit des Büchleins hat sich die Informationslage zum Coronavirus grundlegend verändert und diverse Lockerungen stehen unmittelbar bevor. Aus diesem Grund sind die Comics „Märchen nach Corona“ vor allem eines: ein unverwechselbares Zeitzeugnis.

Isabel Schmiedel & Jan Bühlbecker: Märchen nach Corona. Quarantäne hinter den sieben Bergen. Erste Auflage: April 2020. Im Internetshop der dazugehörigen Seite „Comics für den Weltfrieden“ gibt es auch Postkarten einzelner Coronamärchen-Comics zu kaufen.

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