Michael Köhlmeiers „Märchen-Dekamerone“

Michael Köhlmeiers „Märchen-Dekamerone“ als eBook auf meinem eReader – deutlich leichter und einfacher zu transportieren als der gedruckte 736-Seiten-Klopper! Nur leider ohne die schönen Illustrationen… (Private Aufnahme)

Wenn der Körper krank ist, gibt es in den meisten Fällen wirksame Medikamente. Was aber, wenn nicht der Körper, sondern die Seele leidet? Wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht? Märchen, so die Therapeuten Bruno Bettelheim und Eugen Drewermann, können die seelischen Leiden von Kindern lindern. Was für eine schöne Vorstellung! An einer zeitgemäßen Praxis-Handreichung versuchten dazu versuchten sich 2011 Stephanie zu Guttenbergs „Märchen-Apotheke“ und 2015 Angeline Bauers „Heilende Märchen“ – mich persönlich überzeugte nur das zweite Buch, wie in den Rezensionen nachzulesen ist.

Mit diesem unerschütterlichen Glauben an den psychologischen und pädagogischen Nutzen bunter Märchenwelten, die ich auch mit meinen zukünftigen Kindern teilen wollte, nahm ich arglos Michael Köhlmeiers „Märchen-Dekamerone“ in die Hand. Dort las ich mit Entsetzen folgende Passage in der Einleitung:

Wenn etwas nur schön ist und keinen Zweck hat, was für einen Zweck hat es dann? Märchen lassen sich nicht mit einem Kommunikationsschema beschreiben, sagt der Geist der Erzählung, Märchen sind selbstbezüglich. Ihr wisst hinterher nicht mehr, als ihr vorher gewusst habt. Der Erzähler ist der Zwilling des Zuhörers. Ganz gleich, welche Seite des Messers rostig ist, die Klinge erzählt immer von dir. Deshalb sind euch alle Märchen fremd und vertraut in einem, ob sie nun aus eurer Gegend stammen oder vom anderen Ende der Welt. Märchen heilen nicht. Lasst euch das nicht einreden! Der Schmerz ist nicht da, um von einer Erzählung geheilt zu werden. Er ist da, weil er da ist.

Kann das stimmen? Existieren Geschichten und Märchen nur ihrer selbst willen? Ja und nein. Freilich können Erzählungen einfach nur als Kunst bewundert werden, deren Klang, Komposition und Handlung uns ästhetisch gefallen. Warum aber berühren uns manche Geschichten mehr als andere?

Die Erzähler und Verfasser von Geschichten und Märchen schaffen stets ein Abbild unserer Gesellschaft, um unwürdige Lebensumstände anzuprangern oder unlauteren Lebenswandel zu verurteilen. Damit sind Märchen stets Projektionen menschlicher Gefühle, die uns allen irgendwie bekannt vorkommen. Was wäre da also menschlicher, als den Inhalt von Märchen auf uns Menschen selbst zu beziehen?

Vermutlich meinte Köhlmeier, dass Märchen in realen Konfliktsituationen keinen konkreten Ausweg zeigen können – es wäre auch allzu abenteuerlich, auf magische Helfer oder Hilfsmittel zu warten. Nichtsdestotrotz liegt die besondere Kraft von Märchen darin, den Glauben an den Sieg des Guten, Schönen und Wahrhaftigen zu nähren. Manchmal braucht es einfach ein paar schöne Geschichten, um nicht in Zynismus zu versacken…

Eine prächtige Auswahl schöner und schönster Geschichten versammelt Michael Köhlmeiers buntes Potpourri von 100 Märchen aus aller Welt. Seine „Märchen-Dekamerone“ erzählt jeweils 10 Geschichten zu den 10 Motiven: Die Tür; Bruder und Schwester; Drei; In die weite Welt hinaus; Die Tiere; Der Böse; Niemandes Kind; Verwandelt, Verzaubert, Verflucht; Der Tod; Die Liebe.

Woher die Märchen kommen, wird immer erst am Textende enthüllt. Als eingefleischte Grimm-Liebhaberin habe ich die Märchen aus deutschen Landen natürlich schon am Titel erkannt! Andere Märchen ließen nur dank Figurennamen oder darin vorkommenden Tieren Rückschlüsse auf die Herkunft zu. Doch auch so band die allermeisten Märchen eine zeitlose Atmosphäre, die nur eine Botschaft zuließ: Uns Menschen treiben zu jeder Epoche und auf jedem Kontinent dieselben Sorgen und Konflikte um. Die Frage ist also nie, was uns trennt, sondern was uns als Menschen zusammenschweißt.

Dass ausgerechnet der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier für die Zusammenstellung und Herausgabe der Geschichten angefragt wurde, ist kaum verwunderlich. Nachdem Köhlmeier sich in den 1980ern als Autor einen Namen gemacht hatte, wurde er in den 90ern über den Radiosender Ö1 für seine freien Nacherzählungen von griechischen Sagen, der Nibelungen sowie biblischer Geschichten über die Landesgrenzen hinaus bekannt – seit 1995, 1998 und 1999 gibt es die Hörbücher im ORF-Shop zu kaufen.

Seit 2007 hatte Köhlmeier sogar zwei (!) eigene Sendereihen auf BR-alpha mit freien Nacherzählungen von Mythen und Märchen. Ein namentlich nicht überlieferter YouTube-Nutzer hat die Folgen ausfindig gemacht und dankenswerterweise auf zwei Playlists in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt: Die 80-teilige Reihe „Mythen – Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums“ sowie die 42-teilige Reihe „Köhlmeiers Märchen“. Wem die 42 Hör-Geschichten nicht reichen sollten – und das werden sie ganz bestimmt nicht – findet in der Märchen-Dekamerone noch viel Stoff zum Schmunzeln, Staunen und süchtig werden.

Michael Köhlmeier: Märchen-Dekamerone. Eine Weltreise in hundert Geschichten. 736 Seiten. Erschienen am 17. Oktober 2011 bei der Verlagsgruppe Random House.

Hiermit danke ich der Verlagsgruppe Random House herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!

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