Die Märchen von Charles Perrault

Ein kleines feines Büchlein, das in jede Handtasche und auf jeden Nachttisch passt: Charles Perraults Märchen!

Er hinterließ nicht mehr als 11 Märchen und doch gilt er als eine der Wurzeln von Grimms weltberühmten Kinder- und Hausmärchen. Die Rede ist vom französischen Schriftsteller Charles Perrault (1628-1703).

Dass ausgerechnet ich als Märchenliebhaberin mir Perraults Erzählungen erst so spät zu Gemüte führte, ist eigentlich ein Unding. Nichtsdestotrotz kam die Lektüre gerade zur rechten Zeit, als ich mich erstmals intensiver mit der Geschichte der Frauenbewegung beschäftigte. Denn obwohl es im 17. Jahrhundert noch keine offizielle Gleichberechtigung der Geschlechter gab, scheinen die Frauen immerhin widerborstig genug gewesen zu sein, dass Perrault ihnen Vorbilder von unglaubwürdiger Tugendhaftigkeit vorsetzte.

Da wäre die Geschichte von Griseldis (1691), einer jungen Schäferin, die sich ein Prinz zur Braut erwählt. Er wünscht sich eine Frau von beispielloser Demut und Bescheidenheit, ohne eigenen Willen. Immer wieder erniedrigt der Prinz seine Ehefrau, nimmt ihr das Töchterchen weg, verstößt sie und will sogar eine Heirat mit seinem eigenen Kind. Doch wie sich am Ende herausstellt, war alles das nur eine Prüfung für die Tugendhaftigkeit seiner Frau. Am Ende holt der Prinz sie zurück an den Hof und lässt sie von allen wie eine Heilige verehren.

Zu einem weiteren Beinahe-Inzest kommt es im Märchen von der Eselshaut (1694, bei den Grimms: Allerleirauh). Eine Königin ringt ihrem Gatten das Versprechen ab, nach ihrem Tod nur diejenige Frau zu ehelichen, die die Königin in Schönheit, Anmut und Klugheit übertrifft. Infrage kommt nur die eigene Tochter, doch das Mädchen wird von seiner Patin so gut beraten, dass es sich geschickt aus der Affäre zieht und sogar einen Prinzen zum Mann bekommt.

Weitaus heiterer geht die Geschichte Die törichten Wünsche (1693). Ein Holzfäller bekommt drei Wünsche frei, wünscht sich aber aus Unachtsamkeit eine ellenlange Blutwurst. Im Streit mit seiner Ehefrau über den vertanen Wunsch wünscht er die Blutwurst an die Nase seiner Frau, sodass ihm am Ende nicht anderes übrigbleibt, als die Blutwurst wegzuwünschen. Wie gewonnen, so zerronnen!

Diese ersten drei Märchen erschienen 1695 in Versform unter dem Titel Contes en vers. Die nachfolgenden acht Märchen aber erschienen 1697 in Prosaform und wurden unter zwei Titel bekannt: Histoires ou Contes du temps passé. Avec des moralités beziehungsweise Contes de ma mère l’Oye („Erzählungen meiner Mutter Gans“). Am Ende steht mindestens eine Moral, die stets mit einem Augenzwinkern zu lesen ist.

So unterscheidet sich Die schlafende Schöne im Wald von Grimms „Dornröschen“ dadurch, dass die Prinzessin erst eine geheime Beziehung zu ihrem Prinzen unterhält. Nach dem Tode des Königs kommt die Braut mit zwei wunderschönen Kindern an den Hof, doch wären die drei beinahe von der Schwiegermutter, einer Menschenfresserin, verspeist worden. Am Ende lautet die Moral, dass junge Frauen zwar geduldig sein, aber nicht allzu lang mit der Hochzeit oder gar auf den Richtigen warten brauchen. Gerade heute, wo alle meinen, noch etwas besseres finden zu können, wäre das doch eine feine Lehre!

Anders als bei den Grimms nimmt Perraults Rotkäppchen leider kein gutes Ende. Dort kommt kein Jäger, der Großmutter und Enkelin aus dem Bauch des bösen Wolfs befreit. Schlimmer noch, das dumme Gör legt sich auch noch entkleidet zum Wolf ins Bett! So lautet am Ende die Warnung, dass die sanften Wölfe unter den Wölfen die allergefährlichsten sind. Keine Frage, hier geht es darum, seine Tochter niemals unbeaufsichtigt auf die Männerwelt zu lassen!

Ein wahrer Klassiker ist die Geschichte von Blaubart, der seine jungen Bräute prüft und wer von ihnen der Neugier auf die verbotene Kammer erliegt, bald selbst darin liegt… In diesem Sinne will uns der Erzähler lehren, dass Neugier immer nur böses Leid bringt. Aber er gibt auch zu bedenken, dass es [im 17. Jahrhundert] keine solch grausamen Männer mehr gebe, weil die Frauen die Hosen anhaben. Es scheint, dass sich geschickte Frauen zu allen Zeiten ihren Platz im Patriarchat erkämpfen konnten!

Das Märchen Meister Kater oder Der gestiefelte Kater ist allseits bekannt, nicht aber Perraults Moral. Demnach entscheide nicht das Erbe, sondern der persönliche Eifer und können Jugendlichkeit, Aussehen und Kleidung selbst einem Müllers Sohn eine Prinzessin zur Frau bescheren. Kleider machen eben Leute, doch wie trennt man die Spreu vom Weizen? In Zeiten von Dating-Apps gibt sich jeder Zweite als stattlicher Prinz aus. Lügen haben kurze Beine – im wahrsten Wortsinn!

Eine kurze Erzählung, die stark an „Frau Holle“ erinnert, heißt Die Feen. Zwei Schwestern, eine liebenswürdige und eine garstige, verhalten sich ihrem Charakter entsprechend zu zwei fremden Frauen. Die gute wird belohnt und die böse hart bestraft. So lautet die Moral, dass sich Anstand über kurz oder lang stets auszahlt, und dass freundliche Worte mehr Wert haben als Edelsteine. Was es braucht, ist also nur eine Engelsgeduld.

Dass ausgerechnet die Geschichte Aschenputtel oder Der kleine gläserne Schuh nicht von den Brüdern Grimm stammt, hat mich überrascht. Mehr noch das versöhnliche Ende mit den bösen Stiefschwestern! Am allermeisten aber erstaunte mich die Moral, dass alle schönen Gaben nichts nützen, wenn einem nicht eine Patin zur Seite steht. Das gute alte Vitamin B…

Zwei Geschichten, die ich noch gar nicht kannte, waren Riquet mit dem Schopf und Der kleine Däumling. Die Lehren am Ende sind nicht so plakativ oder humorvoll, wie bei den anderen Märchen. Dennoch sind es schöne Erkenntnisse: Die Liebe entzündet sich meist völlig unerwartet an einem unsichtbaren Reiz UND oft ist es das unscheinbare und lange unterschätzte Kind, das zum Glück der Familie führt.

Wäre mein Französisch nicht so eingerostet, hätte ich mir Charles Perraults Märchen zu gern im Original einverleibt. Doch ich wage zu behaupten, dass die Übersetzung den besonderen Witz beibehalten hat – oder erscheinen mir manche Passagen nur darum witzig, weil mir die Moral so ulkig vorkam? In jedem Fall ein zauberhaftes Lesevergnügen für alle großen (!) Märchenfreunde, das durch die elegante Sprache auch noch abgerundet wird!

Charles Perrault: Sämtliche Märchen. Mit 10 Illustrationen von Gustave Doré. Übersetzung und Nachwort von Doris Distelmaier-Haas. Stuttgart: Reclam 2001 [1986].

P.S.: Wenn ihr weitere Märchenautoren kennenlernen wollt, ob Klassiker oder moderne Märchenadaptionen, schaut unbedingt auf meiner neuen Unterseite „Märchenautoren“ vorbei! Die Übersicht ist noch nicht vollständig und bildet vor allem den deutschsprachigen Raum ab, darum bin ich für Hinweise jederzeit dankbar.

P.P.S.: 10 der 11 Märchen könnt ihr auf der Seite Projekt Gutenberg kostenlos lesen. Hier geht es zum Inhaltsverzeichnis.

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