Sylvia Rieß‘ „Der Axolotlkönig“

Detailliert und unfassbar originell: Der Buchdeckel zu Sylvia Rieß‘ „Der Axolotlkönig“. PRIVATE AUFNAHME.

In modernen Zeiten, als das Wünschen längst nicht mehr half, lebte ein Kinderpsychologe, dessen Patienten waren alle auf einem guten Weg – nur das eigene Kind war so kaputt, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte so oft sie ihm ins Gesicht schien. Denn es war ein trauriges Mauerblümchen, das von all seinen Altersgenossen für seine Intelligenz verachtet und bei jeder sich bietenden Gelegenheit gekränkt wurde. Ihre Worte waren das Salz in seinen vor lauter Kummer selbst zugefügten Wunden, bis zu jenem Tag, als eine kleine Amphibie sein Leben rettete…

Mit diesen drei Sätzen sind sämtliche Erzählstränge und Themen benannt, die den ersten Roman der Märchenspinnerei ausmachen: „Der Axolotlkönig oder der kupferne Fynn“ von Sylvia Rieß. Es geht um zerrüttete Familien, Hochbegabung und Mobbing in der Schule, unerkannte Depression und die Emo-Subkultur, schließlich artgerechte Tierhaltung und ein klein wenig Magie. Als moderne Märchenadaption orientiert sich der „Axolotlkönig“ unverkennbar an Motiven vom Grimm’schen „Froschkönig“. Dabei ist der Axolotl mehr als nur ein lautmalerischer Blickfang, steht er doch für die Metamorphose, die die Protagonisten Fynn und Leonie unter großen Opfern durchlaufen müssen.

Apropos Metamorphose. Die ersten Axolotl brachte Alexander von Humboldt nach Europa, wo sie ab August 1804 als exotische Kuriosität im Pariser Naturkundemuseum ausgestellt wurden. Damals wie heute faszinieren uns ihre äußeren Kiemenäste, denn mexikanische Schwanzlurche erreichen die Geschlechtsreife, ohne die für Amphibien typische Metamorphose zu durchlaufen. Was Axolotl zu einem lohnenswerten Forschungsobjekt macht, ist ihre Fähigkeit, Gliedmaßen und Organe ganz oder anteilig wiederherzustellen. Und die Wunden bei uns Menschen? Die heilt entweder die Zeit oder die Wärme eines anderen Menschen – wie bei Andersens „Schneekönigin“, von der sich die Autorin ebenfalls inspirieren ließ.

In Leonie ist alles erstarrt und die Wunden, die sie sich zufügt, werden in so tragischer Breite geschildert, dass einem das bloße Lesen jener Zeilen die Kehle zuschnürt. Nicht nur im Kopf von Fynn wummert es: Gibt es denn keinen anderen Weg? Wie kann die Dunkelheit einen nur derart umfangen? Nein, es gibt keinen Ausweg. Und, wie im wahren Leben auch, keine Triggerwarnung. Oft heißt es, Kinder seien grausam, und tatsächlich ist der schlimmste Feind des Menschen ein anderer Mensch: „Dornen und Disteln stechen sehr, falsche Zungen noch viel mehr.“

Der „Axolotlkönig“ ist mehr als eine unterhaltsame Märchenadaption, nämlich ein eindringlicher Appell, seine Worte sorgsamer zu wägen und nicht für fragwürdige Formen der Anerkennung fremde Leben zu zerstören. Falls es aber doch so weit kommen sollte, tun Betroffene gut daran, aktiv nach Hilfe suchen oder aber nach angebotenen Händen in unmittelbarer Nähe zu greifen.

Mit dem „Axolotlkönig“ legte Sylvia Rieß eine hohe Messlatte für alle weiteren Märchenspinnerei-Romane. Ich freue mich auf jeden einzelnen von ihnen!

Sylvia Rieß: Der Axolotlkönig oder der kupferne Fynn. Erschienen 2017 im Selbstverlag.

Um den Stil der anderen Märchenspinnerei-Autorinnen kennenzulernen, empfiehlt es sich mit ihrer ersten Märchenanthologie anzufangen. Hier geht es zur Rezension von: „Es war einmal… ganz anders!“

P.S.: Wer bei sich oder anderen eine Depression vermutet, wendet sich am besten vertrauensvoll an die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

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