Alexandra M. Mitsuys „Das Erbe des Mondes: Hochmut & Trug“

Zwei Schwäne im Mondschein. Titelbild vom Auftakt der Märchenroman-Reihe „Das Erbe des Mondes“. PRIVATE AUFNAHME.

In Europa fand die letzte legale Hinrichtung einer Hexe 1782 im Schweizer Städtchen Glarus statt, als die Dienstmagd Anna Göldi den Tod durch das Schwert fand. Dieser Sachverhalt widerspricht gleich zwei gängigen Vorurteilen:

Erstens fanden die europäischen Hexenverfolgungen nicht im „finsteren Mittelalter“ statt, sondern in der Frühen Neuzeit und damit zeitgleich mit der Aufklärung. Ihren Höhepunkt fanden die Prozesse zwischen 1550 und 1650 im Heiligen Römischen Reich, denn es galt Sündenböcke zu finden für Hungersnöte infolge der Kleinen Eiszeit, für den Dreißigjährigen Krieg und schließlich für die pandemische Verbreitung des Schwarzen Todes (Pest).

Zweitens widerspricht ein Tod durch das Schwert – ebenso wie durch Ertrinken, Folter oder Suizid – unserem Bild vom aufgetürmten, wild lodernden und qualmenden Scheiterhaufen inmitten einer hysterisch jubelnden Menschenmenge. Ob es unter anderem an den Grimm’schen Märchen liegt, dass wir die Vorstellung vom Schafott seit frühester Kindheit verinnerlichen?

Sowohl im Märchen „Marienkind“ als auch in „Die sechs Schwäne“ ehelicht ein König ein verstummtes Mädchen, der von seiner Keuschheit regelrecht verzückt ist. Doch die junge Königin, dessen Kinder unmittelbar nach deren Geburt entführt werden, wird als Menschenfresserin angeklagt und zum Tod durch das Feuer verurteilt. In letzter Sekunde kommt es zur Rettung: Das Marienkind gesteht eine Lüge und die jüngste Schwester erlöst ihre sechs zu Schwänen verzauberten Brüder.

Apropos, neben der kirchlich geförderten Hexenverfolgung zieht sich auch das Schwanenmotiv durch eine im November 2019 erschienene Romanadaption des Märchens vom „König Drosselbart“.

Zur Erinnerung: Im Grimm’schen Originaltext geht es um eine hochmütige Königstochter, die alle Freier abweist, bis ihr Vater schwört, sie dem erstbesten Bettler zur Frau zu geben. Der Spielmann, dem sie mitgegeben wird, entpuppt sich als König Drosselbart, der die Königstochter für ihren Spott an ihm strafen und ihren Stolz brechen wollte. Angesichts des großen Reichtums kam es schließlich zur einvernehmlichen Hochzeit, doch zuvor sprach die Getäuschte bitterlich weinend: „Ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht wert deine Frau zu sein.“

Es war wohl dieser Augenblick, als Demütigung wider Erwarten schlagartig zur Demut wurde, der die junge Fantasy-Autorin Alexandra M. Mitsuy derart irritierte, dass sie sich mit dem Märchen literarisch auseinandersetzte – wenn auch gemessen an den Idealen einer modernen, freiheitsliebenden Gesellschaft, die mehr kennt als bloßen Materialismus.

Die „König Drosselbart“-Adaption mit dem Titel „Hochmut & Trug“ ist der erste Band der Märchenroman-Reihe „Das Erbe des Mondes“. Konzept und Klangbild des Buchtitels erinnern stark an Jane Austens Romane „Pride and Prejudice“ (Stolz und Vorurteil) sowie „Sense and Sensibility“ (Verstand und Gefühl). Allerdings werden nicht einseitig die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin geschildert, der Herzogstochter Odile del’Amar von Deshire.

Kapitelweise wechselt die Perspektive von der Herzogstochter zu ihrem angetrauten Gegenspieler, dem Vagabunden und Spielmann Elliot alias „Sigurd Elliot del’Arc, König von Sundan, Beschützer des Reiches und der Menschen, Erwählter Gottes und Verteidiger des Lichtes“.

Nomen est omen, und wer der alten Sprachen mächtig ist oder einfach ein wenig Recherche betreibt, durchschaut anhand der sprechenden Namen frühzeitig die Figurenkonstellation und kann über den Handlungsverlauf ab Band 2 spekulieren. So findet sich der Name Odile (althochdeutsch für Erbe) del‘ (italienisches Adelsprädikat „von“) Amar (arabisch für Mond) in der Bezeichnung der Buchreihe „Das Erbe des Mondes“ wieder.

Obwohl es im ersten rund 400-seitigen Buch nur äußerst wenige und dazu versteckte Anspielungen gibt, scheint es sich um einen alten Fluch zu handeln, der seit jeher auf der weiblichen Linie von Odiles Familie lastet. Diesen Fluch zu brechen, liegt wohl allein in den Händen von König Sigurd (altnordisch für schicksalhafter Sieger, angelehnt an Siegfried den Drachentöter) Elliot (bzw. Elias: „Mein Gott ist Jahwe“) del’Arc (französisch für den Bogen als Schusswaffe).

Doch im ersten Band könnte der Gedanke an einen epischen Kampf nicht ferner liegen. Die Geschichte orientiert sich stark an den Motiven von „König Drosselbart“, ansonsten fehlt eine rechte Handlung und geschildert wird die Eintönigkeit des Alltags. Ora et labora – Bete und arbeite, könnte der Leitsatz des Buchs lauten, wenn Odiles sozialer Abstieg kein Netz mit doppeltem Boden hätte.

Gemeinsam mit Odile, deren Name entfernt an die verwunschene Schwanenprinzessin Odette erinnert, wird der Leser in Watte gepackt und in den Bann einer allzu harmonischen, ja märchenhaften Welt gezogen. Nur dass es keine Bösewichte zu geben scheint, stattdessen bleiben die zentralen Figuren bleiben allesamt makellos, gesichtslos, spurlos. Auch außerhalb des Schutzkreises bleibt es seltsam unaufgeregt. Kaum erkannt, wird jede Gefahr umgehend gebannt. Doch welche Gefahr kann schon bestehen, wenn man unwissentlich längst in der Gunst des Königs steht?

Eine einzige Unsicherheit bleibt: Ist ein Ausgang wie im Grimm’schen Originaltext überhaupt möglich, wenn die Frau in Wahrheit nicht materialistisch veranlagt ist? Die Protagonisten Odile und Elliot teilen das Unvermögen, zur rechten Zeit das rechte Wort zu sagen. Etliche Konflikte bleiben unausgesprochen, wobei sich immer häufiger die Frage aufdrängt, warum sie Vater und Brüder einst so bereitwillig von sich stießen. Zumindest ein Teil der Auflösung erfolgt gewiss im Folgeband.

Alexandra M. Mitsuy: Hochmut & Trug. Band 1 von „Das Erbe des Mondes. Erschienen im A.P.P. Verlag im November 2019.

An dieser Stelle danke ich herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

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