Schwesta Grimm: Die beliebtesten Märchen in derbe nicem Deutsch

Vor wenigen Tagen gab der öffentlich-rechtliche Rundfunk sämtliche Sendetermine zum alljährlichen Aschenbrödel-Marathon bekannt. Die Vorweihnachtszeit gilt hierzulande längst als Märchenzeit, darum hätte das Märchenbuch von SCHWESTA GRIMM zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen und mit keiner passenderen Geschichte beginnen können:

„Es war einmal ein Girl, von dem die Mutter stirbt. Voll traurig und so. Dummerweise heiratet der Vater dann noch mal, und zwar so eine richtig krasse Bitch.“ (S.9) Trotz explizitem Verweis bezweifle ich ja, dass dieses Büchlein „in derbe nicem Deutsch“ primär an die Jugend gerichtet ist oder gar erwartet, von ihr gelesen zu werden.

Vielmehr ist es ein Erziehungsinstrument in den Händen gehässiger Eltern und Geschwister, die den „famen Chayas und Chabos von heute“ ihren eigenen Slang um die Ohren hauen und austreiben wollen. Zumindest auf mich wirkte in jungen Jahren nichts abschreckender als Erwachsene, die jugendliche Kleidung oder Sprache vereinnahmten, um cool zu sein.

So viel zum Erziehungsaspekt unter dem Vorzeichen umgekehrter Psychologie.

Doch an den Märchen ist nicht nur der Slang ungewöhnlich. Auch ihre Adaption ist in allen Fällen denkbar originell. So ließ sich „Hans im Glück“ auf nur 14 minimalistische Verse verdichten und „Frau Holle“ als Battle-Rap-Text rezitieren. Apropos. Am Ende jedes der 21 Märchen folgt die märchenhafte Persiflage von Auszügen bekannter Liedtexte von Deutschrap- und HipHop-Künstlern.

Während die meisten Märchenhandlungen in ihrer pseudomittelalterlichen Welt spielen, verschlägt es manche Figuren in die Postmoderne. So lautet „Die Prinzessin auf der Erbse“ im Untertitel „AKA: Die Tussi auf dem Chipskrümel“. Oder wird es plötzlich kriminell mit dem Enkeltrick in „Der Gangsta und die zwei Greislein“. Kleiner Tipp: Eigentlich war es ihrer sieben, allerdings ohne R!

Obwohl ich selbst den Slang-Sprechern inzwischen hinterherhinke, habe ich das Büchlein mit großem Genuss gelesen. Neudeutsch gesprochen: „Die reinste Gönnung“. Immer wieder fühlte ich mich an kuriose Gesprächsfetzen erinnert, denen ich in den Bussen und S-Bahnen der Hauptstadt unfreiwillig habe lauschen müssen. Doch waren die Jugendlichen in den seltensten Fällen nicht des Deutschen mächtig. Stattdessen waren die Regelverstöße vielfach gewollt und zogen ihre Komik aus dem vorsätzlichen Bruch mit den Erwartungen erwachsener, „spießiger“ Deutschsprecher.

Dasselbe gilt für die Märchenadaptionen von SCHWESTA GRIMM: Ihre Komik muss jenen verschlossen bleiben, die in der Kindheit nicht in die heile Welt von Märchen eintauchen durften. Doch dafür bietet die Vorweihnachtszeit, wie in jedem Jahr, ausreichend Gelegenheit!

Hinweis: KEINE Werbung, das Buch habe ich mir wie Hänsel und Gretel vom Mund abgespart…

Schwesta Grimm: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die meisten Follower im ganzen Land? Die beliebtesten Märchen in derbe nicem Deutsch. Erschienen 2021 (1. Auflage im November 2020) im riva Verlag München.

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