Klaudia Diekmanns Märchenballaden

Ein Schmuckstück in meiner Sammlung: Die Märchenballaden von Klaudia Diekmann, Nacherzählungen der bekanntesten Grimmschen Märchen. PRIVATES BILD

Mitten im Winter packte mich die Schreiblust und ich beschloss, eigene Märchen zu schreiben. Doch es sollte etwas Besonderes sein, etwas Außergewöhnliches. Wie gern wollte ich Versmärchen im Stile Alexander Puschkins verfassen! Deutschsprachige Versmärchen, die dahinplätscherten wie ein Bach im Stadtpark und mit originellen Reimen den geneigten Leser entzückten… Ehe ich loslegte, wollte ich herausfinden, ob ich gerade eine Marktlücke entdeckt hatte oder ob mir bereits jemand zuvorgekommen war. So war es leider und ich sackte vor der Tastatur zusammen. Sei’s drum, dachte ich, dann will ich das Werk eben rezensieren.

Über mehrere Jahre hatte sich die freie Schriftstellerin Klaudia Diekmann 30 der bekanntesten Grimmschen Märchen vorgenommen und in Balladenform gebracht. Im Jahr 2015 erschienen all ihre versförmigen Nacherzählungen erstmals in nur einem Band. Obwohl das einheitliche Reimschema (abab) nach meinem Geschmack gern ein wenig abwechslungsreicher hätte sein können, war ich von der allerersten Seite an verliebt in den knapp 400 Seiten dicken Wälzer.

Das Eröffnungsmärchen „Aschenputtel“ beginnt mit der wortgewandten Strophe: „Einst wurde einem reichen Manne / die junge Frau so siech und krank, / dass sie nach kurzer Lebensspanne / dann schließlich mit dem Tode rang.“ Der nachfolgende Dialog am Totenbett gibt jene Trauer, die das Mädchen übermannt haben muss, so einfühlsam wieder, dass einem beim Vorlesen die Stimme zittrig wird.

Nachdem die Mutter sich verabschiedete, endet die erste Seite mit der Strophe: „So sprach die Frau zu ihnen leise, / den beiden brach es fast das Herz, / dann ging sie auf die letzte Reise / und war erlöst von Pein und Schmerz.“ Es waren die prächtigen Ausschmückungen und der reiche Wortschatz, die mich in den Bann der Märchenballaden hineinzogen.

Ausgesprochen ausgeschmückt

Wer mich kennt, weiß um meine Liebe zu ungewöhnlichen, insbesondere altbackenen Redewendungen. Nur dass sie in Diekmanns Märchen keineswegs antiquiert wirken, sondern vielmehr die verträumte Atmosphäre verstärken. Ein Beispiel dafür ist „Dornröschen“. Auch wenn diese Märchenballade unterm Strich gar nicht zu meinen Favoriten der Sammlung gehört, rühmt es sich doch mit einer Beschreibung, die das Herz jedes Mode-Kenners höher schlagen lässt:

Herbeigeeilt aus allen Ländern, / erschienen nun die guten Feen / in wundervollen Festgewändern, / die nie zuvor ein Mensch gesehn.
Sie waren aus den schönsten Stoffen / von edelster Beschaffenheit, / die Pracht wurd nur noch übertroffen / von Machart, Form und Farbigkeit.
Die erste Fee trug voller Grazie / ein Spitzenkleid aus Musselin, / so weiß wie Blüten der Akazie, / dazu ein Cape aus Hermelin.
In einem Kaftan kam die Zweite, / er war aus lila Satinette, / die Ärmel und die Vorderseite / bestickt in Gold und Violett.
Ein Messingschappel trug die Dritte / zur wiesengrünen Seidentracht, / am Umhang waren in der Mitte / drei feine Fibeln angebracht.
In Dunkelblau erschien die Vierte, / die Robe war aus Cr
êpe de Chine, / ihr Perlendiadem verzierte / ein großer, blauer Turmalin.

In diesem Sinne wurden reihum die Festgewänder aller zwölf Feen vorgestellt, ehe die Dreizehnte, für die es kein Goldgedeck mehr gab, die Tauffeier in helle Aufregung versetzte.

Ein schmuckes Stück!

In ihren Nacherzählungen hat Klaudia Diekmann alle wichtigen Momente, Motive und manchmal sogar Formulierungen eingebaut. So ist es nicht nur die lyrische Form, die im Kinderzimmer eine willkommene Abwechslung von den prosaischen Neuauflagen Grimmscher Märchen bietet. Auch die geschliffene Sprache macht die Märchenballaden zu einem Kleinod, an dem größere Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre Freude haben werden. Gerade bei Letzteren hat sich im Selbstversuch das einheitliche Reimschema (abab) nach einem aufwühlenden Tag als beruhigend und sogar Einschlaf-fördernd bewährt.

Wer jetzt meint, dass ich das Dichten gar nicht erst versuchen will, hat sich getäuscht! Denn es gibt regelmäßig Ausschreibungen für märchenhafte Schreibwettbewerbe. Vielleicht teile ich neue Ausschreibungen in Zukunft auch hier auf dem Märchenblog…

Das große Buch der Märchenballaden: 30 Märchen in Reimen nacherzählt von Klaudia Diekmann. Erschienen im Selbstverlag (ISBN 9781979866552). Internetseite: www.maerchenballaden.de

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